Meinung Persönliches

Ein Missverständnis namens Liebe

Ein Missverständnis namens Liebe

In dem wunderbaren Film „Der Wein und der Wind“ liegen Jean und seine Frau nach Monaten der Trennung wieder gemeinsam in einem Bett und sprechen darüber wann die Liebe am schönsten ist. Zu Beginn einer Liebe oder in den Monaten danach.

Wie es sich für einen Weinfilm gehört, gibt es natürlich auf diese Frage eine (w)eindeutige Antwort. Die Liebe sei wie der Wein, sie braucht Zeit sich zu entwickeln. Im Burgund würden Weine für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre produziert, wohingegen in Australien immer alles frisch und neu sein muss.

So ist es wohl auch in der Liebe, es gibt eben Menschen die setzen dabei eher auf das Burgund, andere sind dann eher der australische Typ. Sie brauchen immer etwas Frisches und Neues und haben keine Zeit oder keinen Mut sich burgunderhaft mit der Liebe zu beschäftigen.

Castor statt Orientexpress

Wenn sich zwei Menschen trennen, dann braucht es eine Weile bis man realisiert hat welcher Güterzug da gerade eben durch den eigenen Gefühlsbahnhof gedonnert ist. Wo eben noch der romantische Orientexpress am Bahnsteig stand, an dem man sich für den Tag verabschiedete, ist es nun plötzlich ein Castortransport mit strahlenden Brennstäben der sich nur langsam wieder in Fahrt setzen möchte, nachdem er unverhofft angehalten hat.

Nach dem es nun ein paar Monate her ist, dass der Orientexpress den gemeinsamen Bahnhof verlassen hat und der Castortransport sich auch wieder auf seinen Weg gemacht hat, hatte ich Zeit über dieses Missverständnis namens Liebe nachzudenken. Ein bisschen habe ich mich dafür á la Hemingway in ein kleines Boot gesetzt und aufs Meer geschaut, nur mit dem Unterschied, dass ich es von einem wundervollen Haus in den griechischen Bergen getan habe.

Liebe und Ehe sind zwei grundverschiedene Dinge, ich muss nicht verheiratet sein um lieben zu können. Ich kenne tolle Paare die ohne Trauschein besser und vertrauter miteinander umgehen, als die mit. Die Ehe ist mehr als eine Feier, es ist ein Versprechen und wenn der Pfarrer am Altar von guten und schlechten Zeit spricht, dann meint er eben nicht das auch morgen wieder eine Folge der Trashserie GZSZ ausgestrahlt wird. Es ist dann eher wie mit dem Wein, Liebe muss sich entwickeln können und dafür braucht es Zeit und Geduld. Wer am Ende vor den Regenwolken davon läuft wird später keine guten Trauben ernten können, weil sie einfach wegfaulen.

Liebe und Wein sind Arbeit

Liebe und Wein sind Arbeit! Wenn wir nicht wie ein Winzer jeden Tag an den Reben arbeiten, dann wird die Ernte am Ende zwar nicht gänzlich schlecht sein, aber wenn wir uns jeden Tag gekümmert hätten, dann wären die Trauben eben noch besser. So ist es eben auch mit der Liebe. Es ist eben ein Missverständnis, wenn wir glauben, dass sie einfach immer da ist. Wenn man an ihr arbeitet und bereit ist jeden Tag etwas Zeit zu investieren, dann muss niemand zu den besser gepflegten Trauben aufs Nachbargrundstück gehen, vor allem weil dort auch meistens nur der Schein trügt, oder statt Bio dann doch nur gespritztes Lesegut an den Stöcken hängt.

Am Ende ist es in der Liebe tatsächlich wie bei einem Wein. Wenn er uns jung und frisch schmeckt, dann sollten wir uns ein paar Flaschen in den Keller legen und immer wieder eine Flasche entkorken. Reift er und wird kräftiger und intensiver, dann ist es wunderbar. Überschreitet er irgendwann seinen Horizont, dann ist der Wein nicht schlechter geworden, aber wir haben ihn dann zu lange liegen lassen. Sich dann einfach einen neuen Wein suchen ist nicht fair, vor allem wenn der sich am Ende auch nur als alter Wein in neuen Schläuchen herausstellt und im schlimmsten Fall statt Champagner nur billiger Discountersekt ist. Besser wäre es gewesen öfter die Qualität zu prüfen und dann nach Alternativen im eigenen Keller zu suchen.

Zu den Missverständnissen in der Liebe gehört wohl auch die Annahme, dass sie uns alleine gehört. Niemand kann verhindern sich neu zu verlieben, aber wenn wir es tun, dann sollten wir uns reiflich überlegen was wir wirklich lieber trinken.

Und Wein schmeckt am besten mit guten Freunden genossen, denn nichts ist so schön wie eine Freundschaft die ebenso reift wie ein guter Wein und manchmal noch viel länger Freunde macht als eine alte Liebe die korkt.

Ansonsten gilt auch hier was Frau Louisan schon sang:

2 Kommentare

  1. Lieber Paddy, ich hoffe dass die Liebe meines Lebens feststellt, dass die „Burgunder-Liebe“ wie gemacht ist für ihn ;-). Deine Ansicht über „das Mißverständnis Liebe“ spricht mir aus der Seele! Alles Liebe für dich – Bille

  2. Kirsten Bohge

    Lieber Paddy, dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass Gewohnheit dazu führen kann, die Burgunder-Liebe als auf Dauer zu wenig frisch zu empfinden… was sehr schade es, denn dann ist nicht die Qualität des Weines / der Liebe verschwunden, sondern die Wertschätzung der selben. Und das ist ein sehr trauriges Luxusproblem unserer Konsumgesellschaft.
    Alles burgundisch Liebe
    Kirsten

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