Meinung Persönliches

Kartenzahlung – die Revolution gönn ich mir.

Berlin-Mitte, dort wo die Gehsteigplatten so aussehen, als ob die DDR demnächst ihren 68. Jahrestag begehen würde, findet die Symbiose aus gesamtdeutscher Abneigung gegen Kartenzahlung und des deutschen Michels Sehnsucht nach einem guten Kaffee statt. Dort wo auf den Werbetafeln mit frisch geröstetem Kaffee und blinkenden Siebträgermaschinen Touristen wie Berliner an den Verkaufstresen gelockt werden um sich zum Kaffee überteuerte Aufbackware auf das Möbelmarktporzellan legen zu lassen, genau dort muss der weitgereiste Berlintourist oder die eben aus einem westdeutschen Bierkaff nach Berlin gezogene Lifestylebloggerin sich die Aussage „Kartenzahlung kostet bis 10 € eine Gebühr von 50 Cent“ aufs vom Markenkopfhörer verwöhnte Ohr drücken lassen.

Während in Schweden darüber nachgedacht wird Bargeld ganz abzuschaffen umarmen sich in der deutschen Hauptstadt eine nur Bares ist Wahres Attitude und eine auf der Welt nahezu einzigartige Serviceunfreundlichkeit beim Bezahlen, wie ein sozialistischer Bruderkuss. Wo auch sonst, als auf den Ruinen gescheiterter Systeme (Kaiserreich, Faschismus, Sozialismus) sollte es sich besser gegen moderne Zahlmethoden aufbegehren lassen. Der Kampf gegen die Karte ist in unserer Hauptstadt, wie in vielen Regionen Deutschlands, ein Beispiel dafür, dass Erich Honecker mit seinem „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ widerlegt werden kann. Hier wo sein Geist noch aus den Ritzen der Plattenbauten dunstet, wird er von den Enkeln der letzten FDJ-Generation eines Besseren belehrt. Die Welt zahlt mit Karte, aber in Deutschland muss es Bargeld sein, oder die Strafe des Thekenfroileins folgt auf dem 50 Cent-Fuße.

Womit die Henker der Kartenzahlung in dieser Röststätte nicht gerechnet haben ist der Wille des Volkes sich auch in Berlin, und gerade hier, nicht nur zu Start-Up-Zwecken als Crowd zu präsentieren, sondern auch beim Kartenzahlen.

Während die schockierte Touristin noch die 50 Cent-Forderung mit ihrem Wunsch nach Koffein aufwiegt, formen meine Lippen bereits den revolutionären Satz „Dann zahlen wir doch zusammen und sie bekommen von mir das Bargeld für meine Bestellung, dann sparen sie sich die 50 Cent“.

Der Hass der mir über die Theke entgegenschlägt lässt mich kurzzeitig ein „Vater unser“ sprechen, dann lächelt die von ihrem Chef zum Kartenekel aufgestachelte Servicekraft und zeigt in einem Anflug von Mitleid, als unsere beiden Orders bei 9,80 € landen, ihre ganze eigene menschliche Größe und wir dürfen trotz Unterschreitung des Mindestlimits ohne Zusatzgebühr zahlen.

Berlin-Mitte, der Kaffee dampft, das Croissant duftet; Kartenzahlung – die Revolution gönn ich mir.

1 Kommentar

  1. Pinkback: meiersworld.de › Mit der Bahn nach Frankfurt (Oder) – warum Paddy? › aktuell, daytrip, frankfurt(oder), grenzstadt, menschenleer, oder, polen, slubice › Von digitalpaddy › Bahnreisen, Reise

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