Wein

Selektives spucken oder meine veritable Weinerfahrung in St. Martin

In der katholischen Pfarrkirche der kleinen Pfalzgemeinde Sankt Martin können Besucher des Ortes das Grabmal des Hanns von Dalberg und seiner Gattin Katharina von Cronberg bewundern. Diese gelten als UNESCO-Kulturdenkmäler, sie sind aber nicht der Grund warum sich einmal im Jahr eine Vielzahl von Menschen Ende Juni/Anfang Juli auf den Weg in die kleine Gemeinde am Rand des Pfälzerwaldes machen. Nicht die Pfarrkirche des Schutzpatrons Sankt Martin, der auch der Schutzheilige der Abstinenzler ist, sondern der Aloisiushof in der Ortsmitte sind das Ziel dieser Reisenden. Denn dort findet eine der schönsten Weinfachmessen Deutschlands statt.

Der Schutzpatron der Abstinenzler trifft auf fröhliche Zecher

Unterhalb der katholischen Pfarrkirche liegt der Aloisiushof, hier treffen sich im Schutz von Sankt Martin die Profis der Weinbranche zu einem einmaligen Happening der besonderen Art.

Die Macher der véritable, so der offizielle Name des Klassentreffens der Weinszene, haben ihre Veranstaltung selbst schon in der Champions-League der Weinwelt verortet und dies nicht zu Unrecht, denn nirgends treffen sich Winzer, Weingutsbesitzer, Gastronomen, Weinhändler, Presseleute und Profitrinker an einem so besonderen Ort zum gemeinsamen Austausch.

Das ausgerechnet in einem Ort, dessen Namensgeber der Schutzpatron der Abstinenzler ist, eine Weinfachmesse stattfindet ist vielleicht ein kleiner Fingerzeig mit dem guten Stoff immer behutsam umzugehen und ihn nicht einfach zu schlucken, sondern ihn zu schmecken, zu riechen und lieber einmal mehr als zu wenig, ihn wieder auszuspucken.

Die meisten der Besucher schaffen das auch ganz gut und nur wenige müssen am Ende des Tages ihre neuen sensorischen Erfahrungen bei einem Nickerchen wirken lassen. Profis spucken eben!

Selektives spucken

In diesem Jahr konnten die ca. 600 Fachbesucher die Erzeugnisse von 91 Anbietern aus Deutschland, Österreich, Italien, Bulgarien, Frankreich, Portugal, Spanien, USA, Chile, Südafrika, Argentinien und Australien probieren. Dazu kamen noch Anbieter von Möbeln aus alten Weinfässern, Weinzugangs-Systemen, Kerzen in Champagnerflaschen wurden präsentiert, Kaffee ausgeschenkt und wie Wein gekühlt werden kann, konnte einem auch nicht entgehen.

Günther Jauch. Millionärsmacher und Winzer, ebenfalls immer zu einem flotten Austausch bereit.

Günther Jauch. Millionärsmacher und Weingutsbesitzer, ebenfalls immer zu einem flotten Austausch bereit. Foto: Kogge/facebook

Jeweils sechs Weine konnten die Winzer präsentieren und dafür bedarf es natürlich eines guten Schlachtplans, um die eigenen Geschmacksnerven nicht komplett zu überfordern.

Der übersichtliche Weinkatalog der véritable ist bei der Durchführung eine große Hilfe und wer keine Angst von Räumen mit vielen Menschen hat, der kann im Aloisiushof einen wahrhaft veritablen Weintag erleben.

Ganz wichtig dabei: Spucken!

Es gehört zu Phänomen der Weinbranche, dass Menschen die sich auf einer mehr oder weniger professionellen Ebene mit Wein beschäftigen diesen nicht immer trinken, sondern ihn eben auch sehr häufig ausspucken, anders wäre es auch nicht möglich eine Vielzahl der angebotenen Weine auf sich wirken zu lassen. Eine Tatsache die von Außenstehenden immer wieder gerne mit einem Kopfschütteln quittiert wird, aber nur so geht es. Allerdings muss auch spucken

gelernt sein, und ich frage mich ob ich hierzu nicht einmal eine Webinar anbieten sollte, denn einige der anwesenden Herren müssen in ihrer Freizeit auch noch Fussballer sein, den nur diese Sorte Mensch kann so beherzt und mit so viel Inbrunst…... Hier wäre weniger mehr, auch für die Kleidung der anderen Gäste.

91 Anbieter mit je sechs Weinen, eine kaum lösbare Aufgabe.

Immer gut gelaunt, auch wenn es voll wurde: Theresa Breuer vom Weingut Georg Breuer

Immer gut gelaunt, auch wenn es voll wurde: Theresa Breuer vom Weingut Georg Breuer

Mit einer selektiven Auswahl von Weinen aus Deutschland, Österreich, Italien, Australien und Frankreich konnten mein Kollege & Mitspucker Benjamin und ich zumindest einen kleinen Ausschnitt probieren und uns eine Meinung bilden. Besonders beeindruckt hat uns, wie viel Zeit sich viele Winzer für individuelle Gespräche und Nachfragen nahmen, auch wenn sich gerade einmal wieder eine große Traube um die, teilweise, puppenhausartigen Stände gebildet hatten und alle gleichzeitig probieren und fragen wollten.

Mich jetzt hier in klassischer Manier über jeden der einzelnen Weine die uns ins Glas (Schott) kamen auszulassen, möchte ich meinen Leserinnen und Lesern und mir nicht zumuten. Ein paar Bemerkungen muss ich dennoch loswerden.

Die Weine die Günther Jauch von seinem Weingut von Othegraven präsentierte werden allesamt große und geschmackvolle Weine werden. Jetzt fehlte den 2014er großen Gewächsen noch der finale Dampf, aber den bekommen sie noch, da bin ich mir sicher.

Beim Weingut Leo Aumann (Österreich) dürfte sich der Harterberg (Cuvee aus Cabernet Sauvignon, Merlot & Zweigelt) zu einer kleinen, alkoholischen Fruchtbombe entwickeln. Wenn der 2013er noch etwas liegt, so drei bis fünf Jahre, dann dürfte dieser Österreicher ziemlich viel Freude machen.

Der Spätburgunder aus der Klingenberger Lage von Rudolf Fürst ist ein Klassiker unter den Spätburgunder, ein ausgewogener Pinot Noir mit einer schönen Waldbeernnote. Der Wein gehört dekantiert und darf auch ruhig noch etwas im Keller auf seinen Einsatz warten.

2014 Rätzelhaft Cuvée weiß von FIO (Dirk & Daniel an der Niepoort) heißt nicht nur wie ein Rätsel, dieser Wein ist ein Rätsel. Es wird nicht verraten welche Bestandteile das Cuvée hat, was nicht schlimm ist, aber geschmacklich würde es einem helfen dieses süße (10,5), flache Getränk irgendwo einzuordnen. Für mich der Reinfall des Tages.

Theresa Breuer machte mir mit dem Rauenthal Estate Riesling 2014 eine Riesenfreude, denn dieser Riesling ist ein gelungener Klassiker aus dem Rheingau. Tolle Säure, die bekannte Mineralik und für mich ein Wein der in ein bis zwei Jahren auch gerne einfach so getrunken werden kann.

Der beste Sauvignon Blanc in meinem Glas kam aus Neuseeland von Kim Crawford. Der 2015 Sauvignon Blanc aus Marlborough hat eine schöne Zitrone auf der Zunge entwickelt und hatte schön jetzt eine durchaus zum weitertrinken animierende Note.

Die Überraschung des Tages kam von Weingut Pfeffingen. Bei der 2014er Ungstein Scheurebe SP* wurde nicht gespuckt. Diese Scheurebe wurde in Barriquefässern vergoren, und das schmeckt man diesem Wein, bei dem ich es nicht erwartet hätte, an. Ein wenig Minze und Vanille geben dem Wein einen unglaublichen Geschmack, den ich ganz untypisch einfach mal mit lecker umschreiben möchte.

Schlussgong mit Intershopfeeling

Restetrinken auf der Veritable

Restetrinken auf der Veritable

Mit dem Schlussgong um 18.00 Uhr hatten wir kurzzeitig das Gefühl, uns in einem alten DDR-Intershop zu befinden. Es setze ein Run auf die noch offenen Flaschen, wie früher auf Südfrüchte, an den Winzerständen ein und in sekundenschnelle wurde vom Spuckmodus auf den Schluckmodus umgestellt.

Gleichzeitig hatte sich bereits am OTTO-Gourmet-Grillstand eine an Nachkrigeszeiten erinnernde Schlange gebildet.

Fleisch ist des vinophilen Trinkers Gemüse

Fleisch ist des vinophilen Trinkers Gemüse

Begleitet von einer fröhlich lachenden Sonne und der guten Stimmung der anwesenden Gäste schaffte es aber jeder an einen, oder zwei bis drei, der begehrten Fleischteller zu kommen und bei guten Gesprächen und einigen Resttropfen den Abend angenehm ausklingen zu lassen.

Fazit: Eine tolle Veranstaltung mit einer guten Organisation. Tolle Winzer, tolles Essen und viele gute Gespräche.

Alles ganz schnell leer getrunken

Alles ganz schnell leergetrunken

Einen Blick in den Ausstellerkatalog kann man hier werfen.

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