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Herr Kolsch und wie er die Bahn sieht

Bild: Patrick Meier - wer einsteigt kommt nicht immer in Form

Aktuell gibt es auf einer Webseite der Bahn einen wahnsinnig gut gemachten Satireartikel zum Thema „Rollendes Büro“. Anhand eines Vielreisenden wird die Möglichkeit geschildert sein Business aus dem Zug heraus zu betreiben. Passend zum digitalen Nomadentum eine wirklich gute Idee des sonst eher spaßbefreiten Unternehmens.

Bild: Patrick Meier - wer einsteigt kommt nicht immer in Form

Ich habe mir einmal die Realsatire genau angesehen und habe ein paar Worte dazu aufgeschrieben:

Es ist wieder einer dieser Momente, in denen ich genug von Alltagsroutinen habe. Ich muss mal wieder durchatmen, meine Projekte neu ordnen und mich mal auf eine Sache fokussieren. Meine Lösung: Ich fahre zum Bahnhof und setze mich für ein paar Stunden in einen Zug……

…..Heute fahre ich sechs Stunden einfach so von Hamburg nach München. Mein Arbeitstag startet zunächst ziemlich gewöhnlich: Der Smartphone-Wecker klingelt, ich stehe auf, ziehe mich an, checke den DB Navigator und suche nach der nächsten Verbindung. Ich fahre mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof und steige in den ICE nach München. Was für Viele nach Pendelstress klingt, ist ein recht gewöhnlicher Arbeitstag für mich.“

Ja mir geht es auch oft so, ich stehe auf nach dem mein Smartphone-Wecker geklingelt hat und checke die nächste Verbindung für eine dreißig Minuten – Fahrt zum Frankfurter Flughafen, die dann meistens 40-60 Minuten dauert, weil gerade mal wieder was mit der Oberleitung ist.

Wie schön ist dann die Vorstellung etwas länger in einem ICE sitzen zu können, aber für Thorsten Kolsch ist eine Verzögerung im Betriebsablauf wohl so etwas wie eine Überstunde.

Eine spontane Bahnreise von München nach Hamburg kostet mit einer Bahncard 50 übrigens 71,00 €, also 142,00 € als Rückreiseticket. Respekt, denn ein kleines Büro in München ist schon ab 450,00 € zu haben (ausgehend von den qm eines Sitzplatz 2.Klasse in einem ICE der DB AG). Herr Kolsch hat offenbar ein gut gehendes Business, oder eine „Schwarze Mamba“. (hat er wie sich später herausstellt – 4.090 € für die 2. Klasse)

Aber folgen wir unserem Spontanreisenden einfach auf seiner Zugfahrt durch die Republik.

Am Sitzplatz angekommen, sehe ich schon einige Menschen, die ihren Arbeitsplatz zumindest für ein bis zwei Stunden in ein rollendes Büro verwandelt haben. Sie nutzen die Zeit mit Arbeit, da sie entweder pendeln müssen oder weil ihr Arbeit- oder Auftraggeber sie auf Reisen schickt. Allein im Jahre 2014 fuhren 2,9 Millionen Geschäftsreisende aus beruflichen Gründen mit der Deutschen Bahn. Zu ihnen darf ich mich auch zählen. Zudem nutze ich die Bahn auch bewusst als Arbeitsort – nicht nur als Mittel zum Zweck.“

Die meisten Leute die ich kenne und die Bahn nutzen müssen sind weniger vom Arbeitsplatz Bahn begeistert, weil es an einigen notwendigen Dingen definitiv mangelt, aber Herr Kolsch nutzt offenbar eine Bahn in einer perfekten Parallelwelt, eine die sich das DB Marketingteam ausgedacht hat.

Das wird einem ganz schnell klar wenn es um das Thema WLAN im Zug geht

„…..Ich hole mein Notebook aus dem Rucksack, wähle mich in das Bord-WLAN ein und schreibe … eine E-Mail. Wie nutzt er die Zeit beim Reisen? Seine Antwort kommt prompt: „Nach Bremen bin ich mal zu einem Kunden gefahren. Drei Stunden hin, drei Stunden zurück – für eine 30-Minuten-Besprechung. Das macht nur dann Sinn, wenn man die Fahrtzeit auch als Bürozeit nutzt.“ schreibt mir Tim. Auch die Bloggerin Christine Neder hat für sich das Arbeiten im Zug entdeckt und gleich ein Video draus gedreht. (aber sicher nicht aus dem Zug hochgeladen, außer sie stand wegen einer Verzögerung im Betriebsablauf gerade unter einem Mobilfunkmasten)

Zurück zu meinen Mitreisenden, zu Julia. Sie ist 32 Jahre alt und pendelt regelmäßig von Hannover nach Hamburg. Sie arbeitet täglich etwa sechs Stunden vor Ort bei ihrem Arbeitgeber. Den Hin- und Rückweg nutzt sie zur Vorbereitung von Meetings oder zur Nachbearbeitung eines Arbeitstages.“ (klar…, die macht das jeden Tag….)

WLAN im Zug funktioniert nur so gut wie euer Datenempfang auf dem Mobiltelefon funktioniert. Wenn ihr in einem Wagen mit Repeater sitzt, dann werden eure Daten vom Handy an den gleichen Mast weitergeleitet wie die gebündelten WLAN-Daten aus dem Zug. Kein Empfang am Handy, kein WLAN, aber dafür könnt ihr 4,95 € an die Deutsche Telekom zahlen, der Serviceprovider des Funklochnetz im ICE. Ganz klar, die DB kann nichts für die versagende Technik ihrer Staatskonzernschwester, aber sie verkauft sie trotzdem.

Nun kommt Herr Kolsch zu einer ganz wichtigen Frage „Welche Tools kann ich an Bord eines Zuges nutzen?“

Ein Tool auf das ich mich immer ganz besonders vor einer Bahnfahrt freue heißt WC. Hier kann ich auch Herrn Kolsch und seine spontane Lust am Bahnbüro gut nachvollziehen, denn noch schlimmer als manche Toilette an Bord eines ICE sind manche Bürotoiletten. Hier kann ich mir seine morgendliche Erregung vor einer Banhfahrt gut vorstellen, wenn er im Rahmen einer sechsstündigen Zugfahrt mehrfach die von den Mitreisenden liebevoll „verkackten“ Bordtoiletten aufsuchen kann. Noch schöner ist für ihn sicherlich die Suche in einem ICE nach einer funktionierenden Toilette. Denn zum Antithromboseprogramm der Bahn gehört die Unnutzbarmachung von Bord-Toiletten durch das Anbringen eines lustigen gelben Aufklebers oder einfach auch durch fehlende Papierhandtücher oder Wasser. Als Passagier bewegt man sich dann eben einfach ein bisschen durch den Zug bis eine funktionierende Toilette gefunden ist. Herrlich!

… Die Bahn kümmert sich darum, dass der Saft niemals ausgeht. In der 2. Klasse teilen sich zwei Sitze eine Steckdose, in der 1. Klasse hat sogar jeder Sitz eine Steckdose. Außerdem hat jeder Sitz eine verstellbare Rückenlehne, einen Klapptisch, um das Notebook darauf zu stellen und es gibt WiFi in fast jedem ICE…“ (Ja, WIFI schon, aber keinen Empfang. Beispiel Wolfsburg-Berlin)

Herr Kolsch ist offenbar auch taub oder wie kann sich folgende Antwort auf die Frage „Wie ist die Arbeitsatmosphäre vor Ort? ergeben:

Man ist nicht alleine und hat doch seine Ruhe. Wenn man nicht gerade in der Gruppe reist, ist schließlich niemand da, der etwas von einem will. Ein großer Vorteil gegenüber einem Großraumbüro.“

Es ist in der Regel in jedem Großraumbüro leiser als in einem Großraumwagen der 2. Klasse, außer sein Großraumbüro befindet sich neben dem Schulhof einer Mittelschule an den eine Großraumkegelbahn mit rüstigen Rentnern angeschlossen ist und es keine Fenster hat.

Herr Kolsch trinkt auch gerne mal einen Kaffee und den bekommt er aus dem liebevoll eingerichteten Bordbistro. Zugegeben, manche Kaffeeküche in Büros sieht schlimmer aus. Da heißt es denn also „Was für andere die Teeküche ist, ist für Thorsten Kolsch das Bordbistro….Der Kaffee wird in der Regel von den Mitarbeitern des Bordrestaurants oder von Caterern an den Platz gebracht. Hinzu kommen die wechselnden und frisch zubereiteten Gerichte im Bistro oder Restaurant.“

Dass Herr Kolsch über ausreichend finanzielle Mittel verfügt haben wir bereits oben festgestellt, daher kann er sich auch offenbar eine Dauerverpflegung im Bordbistro leisten. Im Büro sind Kaffee und Getränke meist günstiger, bzw. umsonst beziehbar.

Die Telefonparallelwelt des Herrn Kolsch oder die Frage „Sollte ich Telefongespräche im Zug führen?“

Die Antwortet lautet NEIN, denn es ist in der Regel nicht möglich ein Gespräch vernünftig zu führen, außer sie wohnen neben dem Schulhof, usw., oder lieben Unterbrechungen durch Funklöcher oder die Einfahrt in den Bahnhof Kassel-Wilhelsmhöhe. Ganz abgesehen von Durchsagen über verspätete Anschlusszüge, dem kulinarischen Angebot oder dem Zustieg der Brezelverkäuferin.

Herr Kolsch telefoniert allerdings auch nicht, er nutzt Skype, oder wie er es umschreibt „. Ansonsten ist insbesondere in Ballungsgebieten die Telefonqualität ganz ordentlich. Auf dem Lande gibt es hier noch Nachholbedarf. Mein Tipp: Läuft das Bord-WiFi zuverlässig, einfach Skype oder WhatsApp-Anrufe nutzen. Ansonsten: Froh sein, wenn das Telefon mal still ist. Im Flugzeug geht’s ja auch…

Ich bin da immer ganz froh, denn 70% der Zugfahrten gehen in Deutschland über Lande, nur nicht im Ruhrgebiet….

Wie funktioniert das mit dem Internetzugang?

Meistens nicht, kostet aber 4,95 € (siehe oben) oder wie Herr Kolsch meintKleines Manko: Bei hoher Auslastung (oder auf dem Lande und in Kassel-Wilhelmshöhe), ist die Internetverbindung nicht immer die Beste. Tipp: Ich versuche sämtliche Offline-Aufgaben auf Zugfahrten zu legen, etwa das Verfassen von E-Mails, Erstellen von Präsentationen oder Kalkulationen, das Schreiben von Texten und Konzepten.

Deshalb hatte Herr Kolsch ja auch noch vor einigen Absätzen seine fantastisch funktionierende E-Mail-Freundschaft beschrieben und wie toll das alles im Zug funktioniert mit dem Mail-Ping-Pong.

Zugegeben, nach vier Stunden im ICE, also auf Höhe von Göttingen würde ich langsam auch den Sinn für die Realität langsam wiederbekommen, denn spätestens jetzt sollte auch Herr Kolsch gemerkt haben, dass Toiletten schöner sind, wenn sie sauber sind. Das WLAN im Tunnel nie funktioniert und auch der Kaffee im Büro besser schmeckt als im Bordbistro und sein digitaler Nomadenkumpel sich auch schon über mehrere Stunden nicht gemeldet hat. Julia lieber ein Buch liest, statt sich in doofe Meetingvorbereitungen zu vertiefen und auch die Rentnergruppe aus Fulda mit ausreichend Getränken aus dem Bordbistro aus jedem Großraumwagen einen Partywagen machen kann. Wobei mich folgender Absatz an Herrn Kolsch und seinem Gehör doch zweifeln lässt

Einen Wagen weiter ist das Bordbistro. Eine Gruppe Mallorca-Urlauber grölt einen Party-Song. Sie stören mich nicht, denn sie wollen ja nichts von mir. Genauso wenig wie das sehr aufgeweckte Kind, das eben durch den Wagen rannte. Unterschiedliche Generationen und Lebenssituationen an einem Fleck – das inspiriert, macht kreativ, und funktioniert wohl nur hier.“

Wann ist die beste Reisezeit zum Arbeiten?

„Reisezeit gleich Arbeitszeit. Doch wann ist die beste Zeit, vorausgesetzt man kann es sich aussuchen? Grundsätzlich immer dann, wenn die Pendler-Rushhour vorbei ist. Dazu zählen von Montag bis Sonntag sehr frühe oder sehr späte Züge, oder wochentags nach und vor der Rush-Hour-Zeit. Also dann, wenn alle anderen im Büro sitzen.“

Herr Kolsch steht demnach eher später auf, bzw. sein Smartphonewecker holt ihn zur Rush-Hour aus dem Schlaf, damit er dann zum Bahnhof aufbrechen kann. Pünktlich zum Bürobeginn um 09.05 Uhr geht es dann von München nach HH und nach dem er in der Kantine seines rollenden Office die Nünberger Würstel verspeist  und unzählige leckere Bordbistros-Kaffees getrunken hat, ist er um 14.54 Uhr in Hamburg. Dann hat er die Möglichkeit um 15.01 Uhr zurück nach München zu fahren, aber er gerät dann in die böse Rush-Hour. Seiner Logik des Büro-Reisens folgend, müsste er dann in Hamburg übernachten, damit er wieder nach der Rush-Hour zurück „büroen“ kann. (Kohle hat er ja offenbar genug dafür)

Der meist unterschätzte Mehrwert, oder Herr Kolsch und wie er die Bahn sieht

….Während viele Schreibtischtäter in einem Großraumbüro sitzen und von der Außenwelt abgeschnitten sind, zieht in meinem Fall halb Deutschland an mir vorbei. Ich beobachte die Landschaft, die Sonne, die Berge und die Täler. Zwischendurch einfach mal nicht auf das Notebook schauen – das geht hier wunderbar.

Jetzt ist nur die Frage, für wen lohnt sich ein Arbeitsleben im Zug? Der Preis für eine durchschnittliche Fahrt von Hamburg nach München liegt natürlich höher, verglichen mit einem Tag in einem Coworking-Space. Doch für Fahrgäste mit BahnCard 50, oder wie in meinem Fall als BahnCard 100-Kunde, ist eine Zugfahrt die perfekte Investition in einen angenehmen Arbeitsplatz.

Heute habe ich wieder einiges geschafft. Ich habe ein vollständiges Konzept geschrieben und an einer Powerpoint-Präsentation gebastelt. Einen Wagen weiter ist das Bordbistro…

Wirklich?

Ganz ehrlich: Ich mag die Bahn und fahre oft und viel, aber diese Liebeserklärung hat weder Hand noch Fuß, sie ist voller Wunschrealitäten und hat wenig mit dem täglichen Bahnsinn zu tun. Ich würde mir wünschen, dass es wirklich so ist.

Auch Co-Working-Space ist unterhalb des Preises einer Zugfahrt München-Hamburg-München zu bekommen. Manches an diesem Text ist nicht schlüssig und vielleicht denken ja noch einmal ein paar Leute im Marketing der Bahn über das echte Leben an Bord eines ICE nach. Ein angenehmer Arbeitsplatz ist ein beengter Platz in der zweiten Klasse nicht, außer sie arbeiten sonst in China an der Smartphonewerkbank.

Herrn Kolsch kenne ich nicht, vielleicht sind wir uns bereits einmal begegnet, wobei ich glaube nicht, denn seine Bahn fährt wohl in einer anderen Welt.

In diesem Sinne: Sänk ju for träweling wis Deutsche Bahn

strecke

4 Kommentare

  1. Super Artikel, wenn man schon ein gefaktes Interview führt sollte es wenigstens realistisch klingen.

  2. Was für eine phantastische Retourkutsche. Ich habe den Post bei der DB gestern auch gelesen und bin genau über die gleichen Punkte gestolpert.

    Vor kurzem fiel – wegen Streiks – mein eigentlicher ICE aus. In ihm hätte ich ein Plätzchen an einem der Tische gehabt. Wenn nicht gerade Horst und Helga neben mir ihre Herings- oder Hackbrötchen auspacken, eigentlich ganz ok. Um offline zu arbeiten. On line ist da höchstens der Zug selbst.

    Im Ersatzzug existierte mein Waggon, ergo Sitzplatz nicht. Ich saß also in einen Sitz gequetscht, neben mir ein schwitzender Mensch. Mein Tisch war etwa 10 Quadratzentimeter groß. Über die Toiletten will ich gar nicht sprechen. Sonst vergeht mir gleich der Appetit auf’s Frühstück.

    Ich hätte auch gern was ab von Herrn Kolschs Parallelwelt. Dann würde ich sicher auch mal wieder Zug fahren…

    Vielleicht war das aber auch eine Anfrage à la „Phantasieren auf hohem Niveau: Wie sähe Ihre ideale Zugfahrt aus?“

  3. Vielen Dank für den amüsanten Artikel. 🙂
    Ich glaube am Ende muss sich jeder selbst die Frage beantworten, welcher Typ Arbeitsmensch er ist, wie man sich selbst organisiert und was einem besonders wichtig ist, um kreativ zu sein. Für mich ist die Bahn seit 6 Jahren ein rollendes Büro – und nicht weil mich die Bahn für den Artikel bezahlt hat. Wie du an den Facebook-Kommentaren siehst, lebe ich wohl mit einigen anderen in der von dir beschriebenen Parallelwelt. 😉 Dass nicht immer alles rund läuft, ist bei einem Unternehmen, das jeden Tag mehrere Millionen Menschen transportiert nicht auszuschließen. Und doch bin ich am Ende im Zug produktiver als im Auto, zu Fuß oder auf dem Fahrrad. Aber Du hast recht, es ist auch eine finanzielle Frage und auch diese Frage muss jeder individuell beantworten, ob er sich das leisten kann und möchte.

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