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Ad-Blocker: Die Totengräber des Internet

Bevor du als Promi unter die Erde kommst, musst du erst noch mal geliked werden

Ad-Blocker! Heute lese ich über eine entsprechende Möglichkeit Werbung im Safari-Browser zu blockieren. Irgendwo wurde das mit „Ein Arschtritt für die Werbebranche“ gefeiert. Wie schön, wenn man sich als Onlinemagazin diesen Luxus leisten kann, dachte ich mir.

Immer wenn ich Ad-Blocker höre, dann habe ich zwei Dinge vor Augen. Fangen wir mit einer sehr alten Erinnerung an die letzten ausklingenden Tage der Neunziger an.

 Der Webwasher und die Beutelratte

Siemens hatte gerade seinen Webwasher (http://de.wikipedia.org/wiki/Webwasher) auf den Markt geworfen und somit die erste Runde im Kampf von Blockierern und Werbern begonnen. Schon damals hatte die Gründerin von germany.net (einem Unternehmen aus dem später die Arcor Online GmbH wurde und die arcor.de, bis zur Übernahme durch die Arcor AG, betrieb) darauf hingewiesen, dass Internet ohne Werbung nicht existieren können. Ihr Vorschlag von damals „Wer Werbeinhalte blockiert, hat keinen Zugang mehr zu bestimmten Webseiten“. Ein Vorschlag für den Frau Merz, die bis vor wenigen Wochen bei der AfD Irrlichterte, nicht nur Zustimmung bekam.

Die klassischen Nutzer der Webwasher-Software konnte ich mir damals auf der CeBIT ansehen. Dort hatte Arcor meine Kollegen und mich für 10 Tage einkaserniert und bei deftigem Bauarbeitermittagessen durften wir im Arcor-Pavillon Standdienst schieben und sollten Werbung auf arcor.de, oder nexgo.de wie es damals kurzzeitig hieß, verkaufen. Werbekunden verirrten sich zwar nur wenige zu uns, aber dafür jede Menge Exemplare der webwaschenden Beutelratten aus dem Kundenstamm der ehemaligen germany.net-Gemeinde. Vollgepackt mit kostenlosen Einwahl-CDs die sie in Tüten von Mircosoft, Oracle oder anderen Softwareunternehmen wie Beute über das Gelände schleppten, rotteten sie sich regelmäßig am Arcor-Pavillon zusammen um Diskussionen über die widerlichen Ad-Breaks mit uns zu führen, die damals als Vorgänger der Pop-Ups, zur Refinanzierung des kostenlosen Webangebots und des teilweise kostenfreien Zugangs zum Internet dienten. Eine Tatsache die von dieser pizzavernichtenden und rotäugigen Horde nicht hingenommen wurde, stattdessen quatschten sie einem so lange die Ohren voll bis ein technischer Support-Mitarbeiter (der Freund des Kunden) einem diese Wahnsinnigen abnahm.

Diese Spezies von Internetnutzern tummelte sich schon damals in den Heise-Foren und geiferten über die Dreckswerbung und heute verteilt sie Arschtritte an die Werbeindustrie.

 Bitte keine Werbung-Aufkleber

Die zweite Sache an die ich mich erinnere sind die Aufkleber „Bitte keine Werbung und kostenlosen Zeitungen“ – Aufkleber an Briefkästen (die gibt es heute auch noch, nur gibt es immer weniger kostenlose Wochenblätter).

Diese Aufkleber haben und hatten in Deutschland eine Verbreitung von ca. 15% der Haushalte mit einem Briefkasten. Eine ähnliche Zahl wird genannt, wenn es um die Nutzer von Ad-Block-Anwendungen geht.

Der Webwash-Nutzer von damals ist heute evtl. der Besitzer eines Vorstadteigenheims und er hat sicherlich einen „Keine Werbung“-Aufkleber am Briefkasten und natürlich freut er sich, wenn er der Nutzung von Cookies widersprechen kann und wenn er mit seinem Ad-Blocker werbefrei durchs Netz düsen kann. Sollen doch die anderen Deppen das kostenlose Angebot durch den Konsum von Werbung finanzieren. In seinem Computerraum herrscht eitel Sonnenschein.

Wie lange ist wohl noch eitel Sonnenscheim im Computerkeller

Die Frage ist nur wie lange die Sonne noch scheint, wenn sich jetzt Unternehmen wie Apple dazu aufschwingen die Nutzung von Ads im Bereich der mobilen Geräte zu unterbinden. Mobile ist im Vergleich zu Displaywerbung immer noch kein riesiger Bestandteil des Marketingkuchens, auch wenn die entsprechenden Vermarkter schon mehrere Jahre den Siegeszug des Mobile-Advertisment verkünden (ist eben ein Regioanlexpress der Siegeszug und kein ICE).

Ad-Blocker sind eine Bedrohung des werbefinanzierten Internets, auch wenn dies Gerichte in Deutschland aktuell anders sehen (http://www.zdnet.de/88235873/adblock-plus-landgericht-muenchen-weist-klage-gegen-eyeo-ab/).

Die Richter in München und Hamburg haben sicherlich auch einen „Bitte keine Werbung – Aufkleber“ am Briefkasten und auch genügend Einkommen um sich Angebote die mit einer Paywall versehen sind, zu kaufen.

Kostenfreie, durch Werbung finanzierte, Internetangebote sind eine Möglichkeit für jeden an Informationen zu gelangen für die es früher den Kauf einer Zeitung oder eines Magazins bedurft hätte. Es ist zwar bedauerlich, dass durch das Netz die Printverlage, die sich auch alle im Netz tummeln, mit ihren klassischen Produkten weniger Umsatz machen, aber ein Segen für die Informationsvielfalt.

Unbestritten ist auch, dass Werbung im Netz nerven kann, vor allem dann wenn uns die Gummistiefel die wir schon gekauft haben noch einmal 10 Tage lang verfolgen. Die einfachste Möglichkeit dies zu unterbinden ist es seine Cookies zu löschen. Die Werbeindustrie kann und muss hier noch nachbessern.

 Werbung ist richtig und wichtig für das Netz

Trotzdem ist Werbung für das Internet und seine Informationsvielfalt unerlässlich, denn nur mit Werbung wird das Internet in weiten Teilen kostenfrei bleiben können. Am Ende des Tages werden die Ad-Blocker noch für eine Renaissance von Printtiteln sorgen, denn ich habe noch keinen Tech-Nerd gesehen, der eine Anzeige aus seiner geliebten c´t herausgerissen hätte. Auch die Richter die nun für die Ad-Blocker geurteilt haben, werden wohl kaum in der Gerichtskantine (in der es evtl. Freiexemplare von Tageszeitungen gibt) Anzeigen ausreißen und in den Müll werfen oder gar auf die Idee kommen, beim Verlag ein werbefreies Exemplar zu einem höheren Bezugspreis zu bestellen.

Wenn sich die Denkweise durchsetzt, dass Ad-Blocker eine gute Sachen sind, dann wird sich das Web verändern. Zu einem Paygate-Netz, bei dem Nutzer mit hohem Einkommen mehr Informationen abrufen können, als weniger gut verdienende Nutzer oder gar die Empfänger von Transferleistungen. Wird es in Zukunft Bezugsscheine für das Netz geben, wenn es das Paynet gibt.

Zu früh gefreut?

Wer sich über den Arschritt in den Hintern der Werbeindustrie freut, der freut sich zu früh, denn Apple macht dies sicherlich nicht aus Nächstenliebe für die Ad-Block-Nerds, sondern weil dahinter ein eigenes Konzept zur Ausspielung von Werbung steht, und damit der Prozess einer Monopolisierung von werbefinanzierten Angeboten beginnt, der am Ende bei Unternehmen endet, die ihre eigene Moral haben und mit einem Verleger so viel gemein haben, wie ein Pitbull mit einem Schoßhund oder ein Ad-Blocker mit einem Segen für die Menschheit.

 

Bildrechte: shutterstock

 

 

 

4 Kommentare

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  4. Ich benutze AdBlock selber. Aber bei Seiten die ich schon gut kenne und öfter mal reinschaue, schalte ich das Plugin aus.
    Gruß
    Wolfgang

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