Fitzelchen

Sein Schmetterling vom See

fitzelchen Viktor spürte den letzten Atem des dahinscheidenden Sommers während er ihr dabei zusah wie sie ihre Runden im See schwamm. Jeden Tag kam sie hierher und trainierte ihren Körper. Der Sommer hatte an diesem Tag noch einmal alles gegeben, nun aber atmete er aus und auf der Oberfläche des Sees kräuselten sich die kleinen Wellen, angeschoben von dem sich ausbreitenden kühlen Atem der nahenden Herbsttage. Den ganzen Tag hatte sich die Sonne auf der Mitte des Sees ergossen, nun übernahm der scheidende Spätsommer mit einem ersten heftigen kühlen Windhauch das Regiment über den See.

Es fröstelte ihr, als sie aus dem aufgewärmten Wasser in den kühlen Herbsthauch trat, und sich ihr Handtuch nahm. Er sah wie sie versuchte sich vor der plötzlichen Kühle zu schützen, indem sie das Handtuch fest an ihren Körper presste, aber der Sommer hatte die Regentschaft über den Abend verloren und der Herbst legte sich durch die wärmenden Poren des Stoffs auf ihre Haut.

Ihre Haut wehrte sich gegen die Kälte, und er sah wie sich alles aufstellte und so dem Herbstwind noch mehr Angriffsfläche bot. Gerne hätte er sie in den Arm genommen und geschützt.

Der Sommer hatte ihnen viele gemeinsame Momente geschenkt, fast keinen Tag hatte es geregnet und sie hatte nie einen dieser Tage ohne ihre Runden im glasklaren Seewasser verstreichen lassen. Pünktlich um 17.30 Uhr erreichte sie den kleinen Strand am Ende der Bucht, legte ihre Bürokleidung ab, zog den Badeanzug an und ging an der tiefsten Stelle des Sees ins Wasser. Kein zögern, kein prüfen der Wassertemperatur, sie schwamm direkt los. 40 Minuten lang, ohne Uhr, aber wie ein Uhrwerk zog sie ihre Bahnen.

Er bewunderte sie. Ihre Haut am Anfang des Sommers so bleich wie eine weiße Wand, dann mit jedem Tag des Sommers verwandelte sie sich in ein leicht gebräuntes Sommerwesen. Jeder Tag brachte ihr mehr inneres Strahlen. Ihr Haar wurde heller und ihr Körper straffte sich. Wie ein Schmetterling flog sie an ihm vorbei.

Der Sommer würde sich schlafen legen, der Herbst dunkle Wolken schicken und der Schmetterling seine letzten Flügelschläge tun. Viktor wollte diesen Moment für sich haben, er hatte dem Schmetterling zu lange zugesehen.

Einer Raupe gleich hatte sie sich vor seinen Augen zu einem wundervollen Schmetterling erhoben. Ihre Flügel gestärkt und nun würde sie davon fliegen, und ihn für immer verlassen.

Sie davon fliegen zu lassen, es wäre keine Option. Er trat aus dem Schutz der Büsche hervor und sah sie an, ihre Augen strahlten. Viktor ging auf sie zu, dann stach er zu und nahm sie in den Arm. Sein Schmetterling würde nicht davon fliegen.

Ob das Lied „Papillon“ von Annett Louisan bei der Entstehung dieses Fitzelchens eine Rolle gespielt hat, ich mag es nicht sagen, aber es lohnt sich einmal reinzuhören.

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