Netzkram

Facebook wird wohl nicht so schnell implodieren

wave7_plattformen Der Untergang von facebook wird, oder wurde mindestens so oft vorausgesagt wie der Trend das Mobile nun endlich in der Werbewirtschaft und bei den Kunden angekommen ist. Mobile ist nicht nur in der Werbewirtschaft angekommen, sondern auch tatsächlich beim Konsumenten, dies zeigen die Zahlen der weltweit größten Social Media Studie Wave7, die von Universal McCann durchgeführt wird (übrigens mein Arbeitgeber). Die zweite Aussage, nämlich der Untergang von facebook, oder wie es Wolfgang Lünenbürger Reidenbach nennt „die beginnende Implosion von Facebook“ wird wohl noch ein wenig auf sich warten lassen, meint zumindest auch Nico Lumma.

Was ist der Grund dafür das Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach facebook implodieren sieht? Die Gründe die er dafür in seinem Artikel benennt sind mir eher ein Rätsel, denn gute Gründe für die bevorstehende Katastrophe zeigt er nicht auf.

Er spricht immer wieder von einem Silo und vergleicht facebook mit AOL. Gut, so gesehen ist das aus einer bestimmten Sichtweise nachvollziehbar, denn beides sind Parallelwelten zum normalen Web. AOL ist eine Parallelwelt gewesen und facebook ist eine Art Netz im Netz. Damit hört es aber auch wirklich schon auf, denn wenn ich es durch die Mediabrille sehe, dann ist facebook kein Silo. Es ist ein fester Bestandteil der digitalen Mediawelt und wird in allen mir bekannten Media-/Marketingagenturen als solches behandelt. Silo geht für mich anders, gerade die weiterentwickelten technischen Möglichkeiten Kampagnen über verschiedene digitale Kanäle zu verknüpfen beenden die Silos.

Auch aus Nutzersicht kann ich kein Silo erkennen, dafür muss ich nur in Wave7 nachsehen. Zumindest eine seiner Aussagen kann ich mit der Studie von UM bestätigen, nämlich die, wonach unterschiedliche Dienste unterschiedliche Zwecke erfüllen. Menschen nutzen Social Media Angebote aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus, diese haben teilweise deutliche Überschneidungen und sorgen somit für das Gegenteil des Silos. Bedingt durch die Interaktionsmöglichkeiten der div. Social Media Kanäle und der unterschiedlichen Bedürfnisse der Nutzer ergeben sich Anknüpfungspunkte innerhalb der Angebote.

Facebooks Rolle ist dabei die eines zentralen Knotenpunkts: Dort sind die meisten Nutzer und teilen auch am häufigsten ihre anderen Social-Media-Aktivitäten.

In Wave7 geht UM davon aus, dass es fünf unterschiedliche Bedürfnisse gibt, die von den diversen Angeboten gestillt werden. Diese fünf Bedürfnisse sind Lernen, Beziehungen pflegen, ausbauen (und beenden), Anerkennung, Selbstverwirklichung und der Mensch möchte unterhalten werden.

Für jedes dieser Bedürfnisse gibt es eine eigene Plattform. Wie bei Lünenbürger Reidenbachs Sohn dient youtube der Unterhaltung und twitter wird zur Steigerung des Anerkennungsbedürfnisses genutzt.

Es ist kaum abzusehen, das in 2014 eintritt, was WLR prophezeit, denn facebook hat heute kein Alleinstellungsmerkmal und auch Unternehmen und Konsumenten setzen nicht alleine auf facebook; die gute alte Unternehmenswebseite ist nämlich immer noch ziemlich en vogue, auch wenn viele Social-Media-Berater dies immer wieder anders darstellen. Die Nutzung nimmt eher zu, als das sie abnimmt.

Die Implosion von facebook wird aus meiner Sicht nicht so schnell kommen, zumindest nicht aus den von WLR genannten Gründen, die alle sehr pessimistisch sind und von falschen Grundtatbeständen ausgehen. Facebook ist auch kein Marketingmainstream, zumindest dort nicht wo Kunden sich auf ihre Berater verlassen und nicht auf die Rattenfänger aus Hameln hereinfallen die nur ein Lied spielen können. Facebook wird sicherlich in den nächsten Jahren noch mehr zu einem normalen Bestandteil des Lebens und des Marketings werden, wenn sich der Hype, der immer noch besteht, etwas legt. Zumindest wird dann die Kommunikation über facebook zurückgehen, aber nicht unbedingt seine Nutzung.

Zum guten Schluß noch ein Wort zu der folgenden These:

Wenn unter Teens und Twens nahezu jeder bereits mit Formen von Mobbing, Bullying oder Übergriffen in Berührung gekommen ist, wenn eine Verständigung im Silo immer wieder daran scheitert, dass Menschen einander nicht verstehen, wenn die Einsamkeit in der Masse zunimmt dann ist es emotional und rational vernünftig, sich in Schutzräume zurückzuziehen. Nicht, wie die Kulturpessimistinnen hofften, zurück in die Kohlenstoffwelt – sondern in digitale Räume, die unbeobachteter sind oder sich so anfühlen. In denen ich mich mit Menschen treffen kann, die meinen Humor verstehen.

Die deutschen Internetnutzer tummeln sich mehr als andere Internetkonsumenten in Foren, aber auch dort in den Schutzräumen des Netz, wie es WLR nennt, wird scharf geschossen. Denn das Netz trägt Allgemein zu einer Verrohung der Umgangsformen bei. Dies hat nichts mit facebook zu tun, sondern eher damit das im Web allegemein ein großes Publikum anzutreffen ist. Schutz vor Beleidigung, falschen Anschuldigungen oder Shitstorms gibt es im Netz nicht mehr, denn die Anonymität des Netz lässt uns alle ab und an mal die gute Kinderstube vergessen und führt uns in die Versuchung in Kommentaren evtl. etwas schärfer zur Sache zu gehen, als im realen Leben.

Es gibt nur eine Flucht aus dieser Situation, und die hat Peter Lustig bereits vor vielen Jahren am Ende jeder Löwenzahn-Sendung propagiert „Abschalten“. Nur dann implodiert nicht nur facebook, sondern das gesamte Netz.

Disclaimer: Dies ist meine persönliche Meinung, nicht die von UM Deutschland. Weitere Informationen zu Wave7 gibt es bei http://wave.umww.com und ein sehr schönes Video zum Thema gibt es auch.

2 Kommentare

  1. Das Problem von Social Networks ist die Vermischung von sozialen Normen und wirtschaftlichen Normen. Die Nutzer gehen dort hin, wo sie ihre Freunde finden. Je mehr Nutzer es gibt, desto attraktiver wird die Plattform fürs Marketing. Je mehr das Marketing die Plattform nutzt, desto uninteressanter wird sie für die Nutzer – sie fühlen sich „verraten“, weil soziale Normen und Geschäfts-Normen vermischt werden. Dann gehen sie zu neuen Networks – und das Spiel beginnt von vorne. Die psychischen Bedürfnisse der Menschen sind niemals exklusiv an eine Plattform gebunden.

  2. Pinkback: 24/7 - News & Updates aus der Redaktion

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