Markt & Wirtschaft

Der unaufthaltsame Abstieg der Diskussionskultur im Netz

Rund um den Lanz-Storm und meinen Beitrag zu Wetten dass? Hatte ich diesen Beitrag schon fertig auf dem Laufwerk liegen, aber noch keine Zeit gefunden noch ein paar Dinge hinzuzufügen. Nun ist nach Lanz Frau Schwarzer an der Reihe geshitstormt zu werden, aber der Gipfel sind die rassistischen Auswüchse rund um den Coca-Cola Spot zum SuperBowl. Aus diesem Grund habe ich auch den Titel des Beitrags noch einmal geändert.

Ich liebe das Internet und seine Möglichkeiten. Es ist vollkommen richtig, wenn wir das Netz als eine revolutionäre Entwicklung beschreiben, vor allem nicht das Netz an sich, sondern die Technik die es dem Netz erst ermöglicht haben, und werden, eine besondere Stellung in der Welt(geschichte) einzunehmen.

Nur die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg hat vergleichbares ausgelöst. Sicherlich es gab andere Erfindungen die wichtiger sind, aber aus der Sicht der Massentauglichkeit sind Internet & Buchdruck schon ziemlich einzigartig.

Fraglich ist nur, was die Menschheit mal wieder daraus macht. Offenkundig wurde die Kunst des Buchdrucks auch dafür genutzt ungemein viel Unsinn zu verbreiten. Geschichte wiederholt sich, entgegen manchen Meinungen, immer wieder. Daher ist auch das Netz davon betroffen, dass unglaublich viel Blödsinn auf die Server der Welt hochgeladen wird und bedingt durch WordPress & co. auch meist noch recht ansehnlich daherkommt.

Ich meine keinen Katzencontent oder Videos von Menschen die sich bei gefährlichen Stunts im eigenen Planschbecken schwer verletzen und so zum Spot der Welt werden, dieses Phänomen hat nichts mit dem Netz zu tun, hier haben die privaten TV-Sender einen großen Anteil zur Massenverbreitung beigetragen.

Mit diesem kleinen Hieb auf die privaten TV-Sender bin ich auch schon beim eigentlichen Problem, das Netz verkommt immer mehr zu einem Ort der Hatz und Beschimpfung. Die nettesten Beschreibungen und Entschuldigungen erklären dies sei eine Art Weiterentwicklung des Stammtischs. Sicherlich an manchen Stammtischen geht es rauh und böse zu, wer einmal in einem Gasthaus in der Provinz zu später Stunde seine Ohren spitzen konnte, der wird abwechselnd rot geworden sein und sich geschämt haben. Teilweise können sich Menschen, überall auf der Welt, in geselliger Runde zu echten Unmenschen entwickeln und am Ende steht meist die Todesstrafe für irgendein Verbrechen. Exzessive Stammtischler rotten an einem Abend ganze Gruppen Andersdenkender ruck-zuck aus, oder sperren sie zumindest für immer und ewig weg.

Stammtische in Wirtshäusern und Vereinsgaststätten haben aber einen großen Vorteil: Begrenztes Publikum!

Der Traum eines jeden Großschwaflers ist das Internet. Es bietet oft eine nahezu unbegrenzte Möglichkeit sich mit anderen Menschen auszutauschen. Die guten von uns möchten eben #foodporn und #catcontent tauschen, aber meistens geht es eher darum sich gegen „Andersdenkende“ zusammenzuhashtagen, die moderne Form des Stammtischs.

In der zivilisierten Welt ist es Teil der freien Meinungsäußerung seine eigene Meinung frei sagen zu dürfen, daher müssen wir es in Deutschland auch ertragen, dass sich rechte und linke Feinde der Demokratie frei ereifern dürfen und zu ihren, meist in Straßenschlachten, endenden Demonstrationen aufrufen können. Dies gehört zu einer Demokratie dazu und muss von uns hingenommen werden, denn seine Meinung sagen zu dürfen ist ein hohes Gut. Es ist schützenswert!

Wie weit soll dieser Schutz gehen? Denn wir erleben immer öfter, dass jede Kleinigkeit zum Auslöser eines Shitstorms wird, sich immer mehr kleine Randgruppen zu einer gefühlten Mehrheit aufspielen und versuchen der Mehrheit ihre Minderheitenmeinung aufzudrängen. Sie berufen sich dabei auf Moral und Religion, darauf die richtigen Ideen und Argumente zu haben. Wer sich ihnen in den Weg stellt wird weggebissen, totkommentiert und denunziert. Gerade religiöse Gruppen und die sogenannten Antikapitalisten haben das Netz zu ihrem großen Stammtisch gemacht.

Dazu kommen diejenigen die eine „offene“ Rechnung mit Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben haben. Markus Lanz geriet vor wenigen Tagen in ein solches Fegefeuer aus radikalen Lanzhassern und der Sarah-Wagenknecht-Fankurve des FC Karl Marx. Eine eher kleine Gruppe von Menschen, gemessen an der Gesamtbevölkerung machte so viel Krach, dass selbst etablierte Medien über den Zwergenaufstand berichteten und ihm somit eine Stellung einräumten, die er nicht verdient hatte. Zur gleichen Zeit gab es übrigens Themen wie die NSA und das Chlorhähnchenabkommen mit den USA, diese wurden aber rein #-tag-statistisch nicht so oft erwähnt wie die Petition gegen Markus Lanz.

Lanz kann sich nun wieder zurücklehnen, denn nun ist Alice Schwarzer unter die Räder gekommen. Die feministische Moralistin hat Steuern in einem nicht gerade kleinen Rahmen hinterzogen und hat sich versucht mit der beliebten Selbstanzeige aus der Affäre zu ziehen. Daraus wurde zumindest medial nichts. Das Finanzamt Köln hat sein Geld und Frau Schwarzer den Schaden. In einem fast ungeahnten Ausmaß wird auf sie eingeschlagen. Selbst FAZ und Spiegel können sich nicht dem Buschbrand entziehen der jeden Tag im Internet mit neuem Brennstoff versorgt wird.

Das Internet ist ein Ort an dem wir jeden Tag unendlich viel lernen können, es ist voll mit Wissen. Manches ist davon nutzlos, aber dies liegt im Auge des Betrachters. Wir können uns weiterbilden, an ferne Ort reisen, über weite Distanzen mit geliebten Menschen kommunizieren und die Welt ein bisschen besser machen, weil wir anderen Meinungen kennenlernen können und uns mit ihnen auseinandersetzen.

Leider gewinnen im Netz aber immer mehr die Kommunikatoren die Überhand die es dazu nutzen möchten anderen Meinungen zu diskreditieren. Es soll keine Diskussion aufkommen, sondern viele Diskussionen werden im Keim erstickt und von hasserfüllten Beschimpfungen überrollt. Das was Coca-Cola gerade erlebt, dürfte ein gutes Beispiel dafür sein, wie sehr das Netz sich zu einem riesigen Sammelbecken für zutiefst intolerante Menschen entwickelt. Jeden Tag ein bisschen mehr!

Begründete Kritik, ein profunder politischer Diskurs oder eine andere Sichtweise einzunehmen gehört zum Salz in der Suppe des Lebens, wir müssen aber aufpassen, dass nicht diejenigen die einfach nur mit dem großen Salzstreuer durchs Leben gehen jede Suppe versalzen, damit sie am Ende sagen können „Die Suppe wird verboten, weil die ist zu salzig“.

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