Buch und eBook

Der Gang vor die Hunde

der gang vor die hunde Wer nach Erich Kästner gefragt wird, der wird meistens an Emil und die Detektive und Pünktchen und Anton denken, an sein Buch Fabian oder wie es eigentlich heißen sollte „Der Gang vor die Hunde“ die wenigsten. Mir erging es auch so, umso spannender fand ich die Geschichte rund um dieses Buch.

Erich Kästner schrieb sein Buch Anfang der Dreißiger Jahre und es wurde 1931 veröffentlicht, damals allerdings in einer entschärften Version. Denn die DVA (Deutsche Verlags Anstalt) hatte bedenken was die Freizügigkeit in Kästners Buch betraf.

Am Ende der zwanziger Jahre lebt der Germanist Dr. phil. Jakob Fabian als Werbetexter in Berlin. Er schreibt Werbetexte für eine Zigarretenfabrik und ist als junger Mann dem Verfall der Sitten im wilden Berlin ausgeliefert. Kästners Fabian ist Moralist, was sich wie folgt, lt. Wikipedia, beschreiben lässt:

Der Autor und seine Hauptfigur sind Moralisten, das heißt, sie gehen davon aus, dass die Handlungen der Menschen auf ethischen Prinzipien beruhen sollen, die ihrerseits auf bürgerlichen Freiheitsrechten und zwischenmenschlicher Solidarität gegründet sind, von der Gesellschaft ihrer Zeit jedoch nicht beachtet werden (Totalitarismus, Nationalsozialismus, Kommunismus). Die Moralisierung erfolgt aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern vor allem mit dem Mittel der Ironie. Deutlich kann man Kästners Philosophie, die Welt sei nicht gänzlich zu bessern, erkennen.

Fabian begegnet auf seinen nächtlichen Touren durch Berlin einer großen Anzahl von Menschen die sich alle wenig um die Moral und um die Sitten kümmern. In Bordellen,Künstlerateliers und dubiosen Kneipen wird gehurt und der Lust gefrönt, dass es nur so kracht. Das von Kästern gezeichnete Sittengemälde der Berliner Gesellschaft am Vorabend der Machtübernahme durch die Nazis ist nicht gerade geeignet sich eine gute Meinung über die damalige Zeit zu bilden.

Aus heutiger Sicht würde wohl kein Verlag mehr ein Kapitel aus dem Buch streichen, nur weil dort die folgende Passage zu finden ist: „Es besitzt nicht ein jeder die Geschmacklosigkeit, die Tippfräuleins über den Schreibtisch zu legen.“

Dies wäre wohl eher der Auslöser das Buch überhaupt zu veröffentlichen. Der durchaus kritische Blick von Kästner auf die damalige moralische, wie politische, Situation erregte die Gemüter der Nazis und so wurde aus Fabian ein entartetes Buch, da es pornografisch sei. Neben Fabian wurde Kästners Gesamtwerk als entartet eingestuft und ein Opfer der Flammen während der Bücherverbrennungen der Nazis.

Kästner wehrte sich gegen den Vorwurf der Pornografie, u.a. in einem Artikel in der Weltbühne in der er schreibt: „Durch Erfahrungen am eignen Leib und durch sonstige Beobachtungen unterrichtet, sah er [der Autor] ein, dass die Erotik in seinem Buch beträchtlichen Raum beanspruchen musste. Nicht, weil er das Leben fotografieren wollte, denn das wollte und tat er nicht. Aber ihm lag außerordentlich daran, die Proportionen des Lebens zu wahren, das er darstellte.

Neben der Erotik und einem Bild der Berliner Gesellschaft spielt seine Freundschaft mit dem Doktoranden Labude eine wichtige Rolle in seinem Meisterwerk (so der Verlag). Labude ist eine Art Gegenentwurf von Fabian, ein Freund der aus reichem Elternhaus stammt, aber am Ende, ebenso wie Fabian, scheitern wird.

Die dritte wichtige Rolle nimmt Cornelia Battenberg ein. Eine junge Frau die Fabian in einem Künstleratelier trifft und lieben lernt, was nicht unbedingt der Vorstellung der jungen Frau entspricht, die eher von Männern enttäuscht ist, aber dennoch eine Beziehung zu Fabian aufnimmt. Das auch diese Konstellation nicht positiv verläuft ist wohl keine Überraschung, denn die junge Dame ist zwar studierte Juristin, aber sie empfiehlt sich im Laufe der Geschichte lieber als Geliebte eines dubiosen Filmemachers, der sie über die Besetzungscouch castet und ihr so zu ihrer ersten Filmrolle verhilft. Cornelia sieht dies als Chance für Fabian und sich, was diesen maßlos enttäuscht und noch weiter in einen Abwärtsstrudel reißt.

Der Gang vor die Hunde endet in Dresden der Heimatstadt von Fabian, zu stolz für ein Jobangebot bei einer rechten Tageszeitung endet das Leben des Protagonisten in der Elbe.

Ein durchaus tragisches Buch, dass erst heute in seiner 1931 geschriebenen Originalfassung vom Atrium-Verlag herausgegeben wurde. Ein Meisterwerk ist dieses Buch wirklich, denn Erich Kästner beschreibt die Stimmung der damaligen Zeit unglaublich plastisch und dazu in einer durchaus unterhaltenden Art, denn die Moral kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher, sondern durch die Hintertür der Ironie.

porno_wamsIn einer Zeit in der die WamS Porno als Titelthema als sonntägliche Frühstückslektüre anbietet ist „Der Gang vor die Hunde“ ein geradezu zeitgemäßes Buch. Berlin ist heute wie damals eine Stadt in der sich die Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt präsentiert. Die Bordelle und Künstlerateliers der 20´iger Jahre finden wir heute, wenn wir Berliner Bloggern wie Oliver Flesch Glauben schenken wollen, auch wieder in Berlin, und das Nachtleben ist ebenso heiß und unmoralisch wie damals.

Kästners Protagonisten würden wir heute in den Nachmittagsstunden der deutschen TV-Unterhaltung wiederfinden. Ein arbeitsloser Germanist, ein vermeintlich gescheiterter Doktorand aus guten Haus und eine junge Juristin die ihren Körper verkauft, dies sind heute die Zutaten für eine Diskussionsrunde zur Kaffezeit. Verboten würde sein Buch heute nicht mehr, eher würde der Verleger noch eine Schippe mehr Erotik einfordern, damit es den Zeitgeist trifft.

Der Gang vor die Hunde ist meine Lesesternstunde 2013 gewesen und ich kann euch nur empfehlen dieses Buch ebenfalls zu lesen.

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