Fitzelchen

Brainsearch – Das Gruselfitzelchen zu Weihnachten

fitzelchen Als Rainer die Treppen zum Campus hinauflief, wurde ihm bewusst, dass es das letzte Mal sein würde, das letzte Mal als der alte Rainer. In etwas weniger als vier Stunden würde er zu einem auserwählten Kreis von 200.000 Menschen weltweit gehören die den Searchchip for Brainsearch vom weltweit größten Anbieter zur Strukturierung von Daten im Internet eingepflanzt bekommen haben. Überall auf der Welt wurden heute neue Menschen geschaffen, die ersten Menschen deren Gehirn von der Suchmaschine Gingyo angezapft werden könnten. Seine Gedanken, seine Erinnerungen würden mit dem Internet und den Datenbanken von Ginyo abgeglichen werden. Sein Gehirn würde neu strukturiert werden. Eine einmalige Chance für Rainer und alle anderen 199.999 Brainsearcher. Die Resultate der größten Suchmaschine der Welt würden um die Gedanken, Ideen und Erinnerungen von 200.000 Auserwählten ergänzt werden. Er gehört dazu, er und sein Meisterhirn, all die Jahre an der Uni und in der Forschung, Mathematik, Biologie, Physik und Chemie, er hatte alle Fachgebiete in seinem Kopf. Nun endlich würden seine genialen Gedanken an eine breite Öffentlichkeit gelangen. Jeder würde sehen können von wem die großartigsten Ideen in Sachen Biophysik kommen, wer die Mathematik auf neue Füße stellen kann. Ging hatte das erkannt, er gehörte auch noch zu den 10.000 aus den 200.000 die eine eigene Erkennungs-Url zugeteilt bekommen hatten: www.brain.rainer.gingyo. Damit würde jeder Mensch seine genialen Gedanken direkt ansteuern können.

Der Chip saß nun fest an seinem Platz in seinem Gehirn, über eine Mini-RFI-Antenne wurde sein Chip mit den Rechnern von Gingyo verbunden. Jede Nacht würde er ein Update seiner Gedanken an Gingyo liefern, zur gleichen Zeit würden die ersten Suchanfragen im Tiefschlaf von ihm verarbeitet werden können. In der Anfangsphase nur nachts, wenn er schlief, später, wenn sich das Experiment als erfolgreich gezeigt hatte, auch tagsüber. Es musste sichergestellt werden, so die Ärzte, dass sein Gehirn die Tagesaufgaben alle erledigen konnte. Die Forscher hatten ihm und den anderen versichert, dass die Leistung ihrer Gehirne den Anforderungen gewachsen sein würden.

Die Tage vergingen und Rainer fühlte sich wundervoll, denn Freunde und Kollegen hatten bereits Suchresultate von Rainer erhalten und diese nutzen können, der gesamte Test rund um Brainsearch lief sehr gut. Gingyo hatte zwischenzeitlich den Test bei einigen Personen auf die Tageszeit ausgedehnt und alles lief nach Plan.

Einige Wochen nach dem auch Rainer zur Tagesgruppe gehörte, bemerkte er bei der Betrachtung einer Gruppe von Bakterien unter dem Mikroskop einen ungewöhnlichen Gedanken, er konnte diesen nicht sofort zuordnen, aber er hatte ihn auf eine anderen Gedanken gebracht und verfolgte an diesem Tag nicht mehr sein eigentliches Forschungsprogramm, er ging dem neuen Gedanken nach. Am Abend fühlte er sich matt und ausgelaugt, aber er hatte die letzten acht Stunden intensiv mit dem Bakterienstamm experimentiert und festgestellt wie dieser, wenn er leicht verändert würde, innerhalb kürzester Zeit Saatgut der unterschiedlichsten Art und Weise zerstören könnte, damit hatte er aber auch eine Möglichkeit gefunden das Gegenteil zu bewirken. Er hatte alles fein säuberlich notiert und legte sich auf der Laborcouch schlafen.

In dieser Nacht schlief Rainer schlecht, seine Träume kreisten um merkwürdige Dinge, Menschen die Gemüse gegessen hatten und innerhalb kürzester Zeit innerlich verfaulten, der ganze Globus wurde in seinem Traum von bösartigen Bakterien überschwemmt die über die Oberfläche von Handydisplays übertragen wurden. Erst in den frühen Morgenstunden fand er etwas Ruhe und konnte schlafen. Erst am späten Vormittag weckte ihn eine Kollegin und er machte sich frisch und ging in sein Büro. Er schaute sich dort die Aufzeichnungen neben seinem Laborplatz an und fragte sich woher diese kamen.

In den nächsten Wochen schlief Rainer häufig schlecht, er kam bei seinen eigentlichen Projekten nicht weiter und wurde immer wieder von anderen Ideen und Gedanken abgelenkt, er fühlte sich wie ferngesteuert. Ein Besuch bei den Gingyo-Ärzten brachte keine auffälligen Veränderungen zu Tage. Er solle sich ein wenig ausruhen, einmal ausspannen wurde ihm geraten.

Nach ein paar Tagen an den Stränden von Florida ging es ihm deutlich besser, er schlief, träumte gute und schöne Dinge (die Bikinis am Strand hatten einen positiven Einfluss auf seine Phantasie). Frisch erholt kehrte er wieder an die Uni zurück und machte sich wieder an die Arbeit.

Dort warteten schon zwei Forschungskollegen auf ihn, aus dem asiatischen Raum gab es beunruhigende Meldungen über Reisfelder die innerhalb weniger Stunden komplett verrotteten und einen Boden hinterließen auf dem nichts mehr angebaut werden konnte. Eine NGO aus Thailand hatte an seine Uni eine Probe geschickt. Unter dem Mikroskop sah er etwas, er meinte sich an diese Stämme erinnern zu können, aber mit seinem Gedächtnis geschah etwas Merkwürdiges. Immer wenn er versuchte sich an diese Art des Bakterienstamms zu erinnern, wurde er abgelenkt und er sah plötzlich eBay-Angebote vor seinem Auge, er konnte sich nicht auf diese Art der Bedrohung konzentrieren. Sein Gehirn landete nie dort wo es hin sollte, immer nur bei ausgelaufenen eBay-Angeboten.
In Russland wurde zur gleichen Zeit vom Ausbruch eines neuen Virus berichtet, dieser zerstörte die Hirnmasse von Menschen innerhalb von 36 Stunden, in Teilen von Westeuropa zerstörte ein Bakterium große Teile der Weinreben und in Afrika starben Zebras, Elefanten und Affen an einem, ebenfalls, neuen Virus der sich nur gegen diese Tiere richtete.

Im Forum der Brainsearcher vermehrten sich zur gleichen Zeit die Threads mit den Headlines „Kann nicht mehr klar denken“. Einige der 200.000 die noch nicht zur Tagesgruppe gehörten waren nicht davon betroffen und konnten die Meldungen analysieren und stellten fest, dass fast alle der angeschlossenen Superhirne die am Tag ihre Rechenleistung zur Verfügung gestellt hatten unter den gleichen Symptomen litten, sie arbeiteten wie wahnsinnig an Projekten an die sie sich nur schwer oder gar nicht mehr erinnern konnten. Sie schliefen schlecht und fühlten sich matt, sobald sie mit einem Problem konfrontiert wurden an dem sie bereits gearbeitet hatten wurden sie abgelenkt. Eine Gruppe sah immer nur noch eBay-Angebote, eine andere Gruppe sah nur noch pornografische Bilder vor ihrem geistigen Auge und eine dritte Gruppe wurde mit sinnfreien Videos abgelenkt.

Gingyo ignorierte die Warnungen der Gruppe und schloss weitere Forscher an den Tagesstream an, erst als sich einige weigerten begann ein Umdenken, aber anders als gedacht. Gingyo entfernte die Chips aus den Köpfen der noch nicht angeschlossenen Forscher und entzog ihnen die Möglichkeit sich mit den anderen klugen Köpfen auszutauschen, einige der Testpersonen verschwanden oder wurden nach der Entfernung wahnsinnig, weil sie ihre eigenen Gedanken nicht mehr ordnen konnten.

Rainer berichtete einem alten Studienfreund von dem Gingyo-Experiment und was mit ihm geschah, obwohl dies ganz eindeutig von Gingyo untersagt wurde. Max, sein alter Freund, arbeitete bei einer Firma die sich auf die Manipulation von Suchmaschinen spezialisiert hatte, der Fachausdruck SEO (Search Engine Optimization) klang natürlich besser.

Er versuchte den Suchstrom aus Rainers Gehirn auszulesen und konnte erst einmal nichts Auffälliges entdecken. Zur gleichen Zeit konnten zwei internationale Pharmakonzerne erste Lösungen für die um sich greifenden Epidemien anbieten.

Die Aktienkurse beider Unternehmen entwickelten sich sehr bullish wie die Kommentatoren meinten und das sie Dank ihrer guten und konzentrierten Forschungsleistung die Welt vor vielen Katastrophen bewahren würden, denn es gab in der letzten Zeit immer wieder neue und angsteinflößenden tödlichen Krankheiten die Tiere, Menschen und Pflanzen befielen.

Auch Gingyo partizipierte von dem Erfolg, denn ihre Rechner unterstützenden die beiden Konzerne massiv bei der Forschung. Davon wusste nur niemand außerhalb des Vorstands, aber eben dieser Vorstand hatte sich bei beiden Chemieriesen bereits vor Jahren mit einem großen Aktienpaket eingekauft. In einem Jahr in dem die Erlöse aus Werbung deutlich rückläufig waren, ein Segen für das Softwareunternehmen.

Fast neun Woche nach dem Max begonnen hatte sich mit Brainsearch zu beschäftigen und die Gedanken seines Freundes auslesen konnte hatte er etwas entdeckt was ihm Angst machte, denn er hatte auf dem Bildschirm den Beweis dafür, dass Gingyo gelogen hatte, sie konnten nicht nur mitlesen und Anfragen an die Brainsearch-Chips senden, sie konnte auch einen eigenen Algorithmus auf die Chips bringen und so die Gedanken der Brainsearcher manipulieren. Max erklärte seinem Freund Rainer was mit seinem Gehirn geschah, ähnlich wie bei der OnpageOptmierung im SEO-Geschäft wurde sein gehirn so manipuliert, dass bestimmte Ergebnisse besser angezeigt wurden, als andere, eine Art OnBrainOptimierung.

Dies erklärte die Umlenkung seiner Gedanken, in seinem Gehirn wurden alte nutzlose Gedanken, wie abgelaufene eBay-Angebote besser gerankt als die Lösung der echten Probleme.

Die komplette Gruppe der Brainsearcher wurde von außen manipuliert, was auf den Rechnern der Suchmaschine funktionierte, funktionierte nun auch in fast 200.000 Köpfen.

In Europa rollte Gingyo gerade die erste Welle des Brainsearch-Projekts an einer Reihe von Eliteuniversitäten aus. Max und Rainer versuchten die anderen Teilnehmer zu warnen, aber bevor ihnen dies gelang hatte Gingyo eine Pressemeldung lanciert aus der hervorging, dass der berühmte Forscher Dr. Rainer Engel seine Teilnahme an einem wissenschaftlichen Projekt missbraucht habe um mit einem Angestellten eines Konkurrenzunternehmens die Arbeit am „Brainsearch“ genannten Projekt zu manipulieren und für eigene Zwecke zu missbrauchen. Dr. Engel und Max Forster müssten mit entsprechenden Klagen rechnen und Dr. Engel würde umgehend aus dem Projekt ausgeschlossen.

Pressemeldung:

Dr. Rainer Engel verstorben.

Das Santa Monica Klinikum teilt mit, dass der berühmte und zuletzt wegen Kursmanipulation und Industriespionage angeklagte Dr. Rainer Engel bei einer Operation am Gehirn verstorben sei.

Bei der Entfernung eines Tumors, der bei Dr. Engel in den letzten Wochen zu Wahnvorstellungen geführt hatte, kam es zu nicht vorhersehbaren Komplikationen die am Ende zu seinem Tod geführt haben.

Polizeireport:

Am Weihnachtsmorgen wurde am Strand von Santa Monica die schwer verstümmelte Leiche eines bisher nicht identifizierten männlichen Weißen gefunden. Der Mann wurde offenbar Opfer eines Raubmords, da er weder Geld noch Ausweispapiere bei sich hatte.
Einziger Hinweis auf die Identität des Opfers ist ein Zettel den er in der rechten Hand hielt und auf dem die Buchstaben A E R C H zu lesen sind.

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