Markt & Wirtschaft

Digitaler Bullshit

Als Gutenberg den Buchdruck erfunden hatte, da entwickelten sich im betriebswirtschaftlichen Sinn neue Geschäftsmodelle. Der Buchdruck und die Verbreitung des gedruckten Wortes hat die Welt sicherlich in unglaublicher Weise verändert. Diese Veränderung nahm sich sehr viel Zeit, was an den zur Verfügung stehenden Verbreitungsmethoden lag. Erst von Mensch zu Mensch, dann auf dem Rücken der Pferde, irgendwann wurde die Eisenbahn erfunden und dann flog der Mensch von Ort zu Ort, selbst bis auf den Mond haben es die Amerikaner geschafft und von Menschen gebaute Satelliten sind dabei in die Weiten des Alls vorzudringen und dabei haben sie Botschaften aus einer fast noch undigitalen Welt im Gepäck.

Irgendwann wurde aus der Erfindung des Buchdrucks die Möglichkeit Buchstaben nicht nur auf Papier zu bannen, sondern auch in Nullen und Einsen zu zerlegen und elektronisch auf Bildschirmen sichtbar zu machen; eine schöne neue Welt entstand und mit ihr neue Geschäftsmodelle und viele schöne Ideen. Das älteste Gewerbe der Welt entdeckte die neuen Möglichkeiten ebenso für sich wie es Händler taten und die Finanzbranche.

Das Internet stellte und stellt die Welt auf den Kopf. Informationen sind unglaublich schnell verfügbar, social networks, die nichts mit sozialen Netzen zu tun haben, verbinden Menschen und Unternehmen, nicht weil es so schön ist Menschen zu verbinden, sondern weil es eine ideale Plattform ist, um Geld zu verdienen. Wie im Mittelalter die Klöster so sind es heute die Hüter der großen Rechner die das Wissen um die Inhalte im Netz hinter dicken Servermauern gut behüten wie ihren eigenen Schatz, obwohl sie nur Allgemeingut verwalten.

Google, Facebook & Co. sind moderne Mönchsorden die Millionen von sich überzeugt haben und an der Spitze der neuen Mönchsorden steht die Digitale Bewegung. Wie einst die Bauern auf den Feldern um die Klöster, so scharen sich heute die Mitglieder der Communities und der Digitalwirtschaft um ihre neuen digitalen Vorbeter. Keine Woche vergeht in der nicht irgendwo irgendwas gerade digital ist. Ob es um den Digitalen Darwinismus, Digitale Demenz, Digitale Retrokultur, Digitale Kommunikation oder gleich um die Digitale Revolution geht, ist dabei eigentlich egal, denn es muss nur Digital sein und schon wird ein Schuh Buch daraus.

Dinge die es schon immer gegeben hat erleben eine Wiederauferstehung, Menschen die sich verabschieden wollten aus den engen Mauern der digitalen Welt, mussten feststellen, dass sich nicht einfach gehen können. Früher gab es die Möglichkeit aus den Mauern der Klostergemeinschaft zu entfliehen, heute ist dies nicht mehr möglich. Unsere Mitgliedschaft, unsere Nachrichten werden gespeichert und unsere digitalen Profile leben weiter. Wer nach einer langen Zeit wieder zurück ins digitale Leben möchte, der muss nur sein Passwort wiederfinden und schon ist sie perfekt, die digitale Wiederauferstehung. Was für Jesus noch äußert mühsam gewesen ist, kann heute jeder ganz locker und easy, wenn gewollt auch mehrfach, vollziehen: Einfach mal wegbleiben und dann wiederkommen, sollte die Datensicherung bei Google mal wirklich komplett ausfallen, dann kann es sogar mit der eigenen Himmelfahrt klappen, denn dann ist das digitale Leben voraussichtlich wirklich futsch und es droht die entdigitalisierte Hölle! Mit echten Menschen und, im schlimmsten Fall, gedruckten Büchern.

Damit mich niemand falsch versteht, das Internet, die digitalen Möglichkeiten sind großartig. Ich verdiene damit mein Geld und möchte mich nicht beschweren, aber ich finde es an manchen Tagen schon extrem anstrengend, wenn ich mich wieder mit Digitalem Bullshit beschäftigen muss, nur weil plötzlich der Darwinismus digital wird. Das der überlebt der sich am besten dem Gesetz des „Survival of the Fittest“ unterwirft ist nicht neu und findet schon immer statt, noch bevor Darwin seine Evolutionstheorie zu Papier brachte überlebten die cleversten Geschäftsmodelle. Daran ändert die digitale Welt nichts, sie beschleunigt den Prozess in gewisser Weise, aber auch das gehört zu Evolution, und nicht mehr und nicht weniger. Die Digitalisierung ist eine Art Brandbeschleuniger für Ideen und ihre Umsetzung, Menschen können schneller davon profitieren, oder auch die negativen Seite verspüren.

Demenz wird auch digital, weil die Menschheit angeblich aufhört zu denken und Kinder und Jugendliche bestimmte Fähigkeiten verlieren; es mag sein, dass wir irgendwann vielleicht nicht mehr mit dem Stift ein paar Worte zu Papier bringen können, aber vielleicht müssen wir das nicht mehr, weil wir es eben tippen oder sprechen. Ich kann auch kein Mammut mehr jagen, weil ich es eben nicht mehr muss.

Es gibt eine geradezu überbordende Verwendung des Wortes digital in Verbindung mit nahezu allem was es schon immer gegeben hat und es voraussichtlich auch immer geben wird, egal ob es digital oder wirklich stattfindet. Digitale Geschäftsideen sind am Ende auch nur Geschäftsideen die mit den Möglichkeiten der Technik unserer Zeit einfach schneller und besser umzusetzen sind. Dieser Beitrag hätte mich eine Ewigkeit an Zeit gekostet, wenn ich ihn hätte in Stein meißeln müssen, vielleicht hätte ich dann nicht so viel geschrieben, oder es mir ganz erspart, aber das Digitale Publizieren von Texten hat mir nun einmal die Möglichkeit gegeben mich flott und schnell zu äußern.

Nico Lumma hat in seinem Beitrag über die Digitale Gesellschaft geschrieben:

Wir haben in Deutschland viel zu viel Zeit damit verbracht, kollektiv abzuwarten, ob man noch mal aus dieser Digitalisierungsnummer wieder rauskommen könnte. Der Zug ist abgefahren, seit mindestens 15 Jahren bereits. Es kommt jetzt darauf an, dass die beiden Generationen zusammen den Transformationsprozess der Gesellschaft begleiten, damit wir gestärkt aus der Digitalisierung hervorgehen.

Ich glaube wir haben nicht zu lange abgewartet, sondern wir nutzen die digitalisierte Welt in einem ganz vernünftigen Maß und müssen den Transformationsprozess von dem Nico spricht vernünftig begleiten, ohne das gleich aus jedem Irgendwas eine Digitales Besonderes wird, nur weil schon Mittwoch ist und die Sau noch am ersten Trog des Dorfes ihr Wasser trinkt und keine Lust hat, sich wieder durchs Digital Village treiben zu lassen.

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