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#Neuland: Die Kanzlerin und die digitale Avantgarde

Ja, es geht wieder ein #aufschrei durch das Netz. Die digitale Avantgarde, oder was sich dafür hält, hat wenige Sekunden nach dem Angela Merkel das Internet als #Neuland bezeichnet hat, losgeschlagen und die Bundeskanzlerin in einem möglichst großem Umfang als Idiotin hinzustellen. Die SPD-Blogosphäre reagierte schnell mit Häme und selbst Sigmar Gabriel twitterte bevor er sein Hirn einschaltete.

In meiner twitter-timeline fand ich wenig inhaltliches über die Neuland-Aussage, die üblichen schnellen Bilderwitzchen und wahnsinnig komischen Vergleichstweets überrollten das Netz in einer Geschwindigkeit, hinter der sich jede Hochwasserkatastrophe verstecken muss. Der Wasserstand der Dümmlichkeiten stieg so schnell an, dass fast schon die Überflutung der Kulturnation zu befürchten stand.

Jeder Social-Media-Berater der Republik hatte sofort eine Meinung parat und wir alle wussten sofort, dass hier ein Shitstorm der Häme über Angela Merkel losgebrochen ist, der selbst mit der sofortigen Versunken mehrerer alter Serverräume durch die Bundeswehr nicht mehr zu verhindern ist.

Doch dann tauchte ein Kommentar von Johannes Kuhn in der Süddeutschen auf. Dort wurde die Kanzlerin in Schutz genommen. Denn Johannes Kuhn hatte erst das Hirn eingeschaltet und dann die Tastatur seines Rechners benutzt. Eine Eigenschaft die manch professioneller Neulandrhetoriker schon kurz nach der Einführung der Tastatur hinter sich gelassen hat. Twitter & Co. verführen nun einmal zum vorzeitigen Meinungserguss, ein echtes Risiko mit oft ungeahnten Nebenwirkungen, vor denen keine Packungsbeilage warnt.

Johannes Kuhn weißt auf einen nicht zu widerlegenden Aspekt hin; das Netz ist für einen Großteil der deutschen Bevölkerung Neuland, denn sie benutzen es erst seit kurzer Zeit. 76% der Deutschen sind im Netz aktiv, aber das bedeutet doch nicht, dass es sich hier um Profis handelt. Nein! Das sind Menschen wie meine Großmutter, die verstanden hat, das es das Netz gibt und das ihre Enkel dort auf einer Seite mit anderen Freunden und Familienmitgliedern Bilder und Erfahrungen austauschen. Das hat es früher auch gegeben, hieß 70´er Geburtstag, aber dafür mussten eben alle an einen Ort kommen. Oma weiß jetzt zwar mehr von der ganzen Familie, sieht sie aber nicht unbedingt öfter. Sicherlich eine neue Erfahrung.

Mir ist durchaus klar, warum ein großer Teil der wichtigen Menschen der deutschen Netzgemeinde sofort in ein Wehklagen ausgebrochen ist, weil Frau Merkel die Wahrheit gesagt hat, und das steht nun einmal in einem krassen Widerspruch zu dem was viele Social-Media-Berater ihren Kunden in teuren Seminaren verkaufen (wollen).

Für viele dieser Menschen besteht Kommunikation nur noch aus facebook & Co, alles andere hat keine Berechtigung mehr, spielt keine Rolle und ist so alt und grau wie die Höhlenzeichnungen im Neandertal.

Und genau das ist falsch! Unsere Gesellschaft ist noch nicht komplett digitalisiert, das Weltbild der SM-Berater ist zu einseitig (oft weil sie die zweite Seite nicht kennen, und/oder nicht verstehen) und daher leider eine Fata Morgana.

Neuland ist etwas was nicht sein kann, weil es für viele Menschen nicht sein darf. Die Wahrheit ist, dass Menschen dort draußen noch „Wetten dass“ und Tatort schauen ohne sich parallel am Second Screen mit Hintergrundfakten und der Meinung anderer Menschen abzulenken, die sehen sich einfach eine Sendung im TV an, und das in einer ziemlich großen Mehrheit!

Wer sich nur um sein Neuland kümmert und seine kleine Weltsicht zur vorherrschenden Meinung erklärt, wird sich irgendwann mal wundern warum ihn viele Menschen nicht mehr verstehen. Die Arroganz mit der heute über Angela Merkel hergefallen worden ist, sagt mehr über die aus die sich darüber ausgelassen haben, als über Frau Merkel und ihr Wissen um die Bedeutung des Internet.

Die meisten meiner Stammleser wissen, dass ich in einer Mediaagentur arbeite, und selber versuche die Klaviatur des Internet jeden Tag auf die ein oder andere Weise zu spielen, aber ohne dabei die gute alte Tageszeitung und die anderen Kanäle der Kommunikation zu vergessen. Wenn ich in den letzten Jahren eins wirklich verstanden habe, dann das wir nicht aufhören dürfen vernetzt zu denken und Dinge die für uns normal sind, wie die Smartphonedichte in der Marketingindustrie, als gegeben hinzunehmen, nur wer hinterfragt wird am Ende des Tages eine gute Idee abliefern.

Das Internet ist, für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Bevölkerung, Neuland, Wer das nicht glauben möchte, der kann ja weiterhin in seinem Berliner Digitaldorf vor sich hin stänkern und auf die nächste Sau warten die sich durchs Neulanddorf treiben lässt.

Gerade eben um 21.10 Uhr im Netz entdeckt: http://www.ennomane.de/2013/06/19/neuland-die-arroganz-der-digital-natives/

5 Kommentare

  1. peter puschel

    Lieber Herr Meier,

    Es ist doch (eigentlich) gar nicht soo schwer, dass CDU-Merkelsche „Neuland“ bündig und vor allem sogar mal vergleichsweise zutreffend zu verorten, oder ?

    Hätte sie nämlich gesagt „..für die ältere Generation“ oder „..für nicht wenige Bürger“ o.ä., dann, und _nur_ dann wäre ihre Einlassung im Kontext haltbar – halbwegs zumindest.

    Die Realität ist nun aber doch ganz anders,
    denn hat Sie eben NICHT gesagt.

    Sie bezieht (uns?) vielmehr ALLE ausnahmslos in Ihr ziemlich entlarvend sedatives „Neuland“-Spindoctoring ein.

    Und damit nehme ich mir als Konsequenz nun doch (noch) die Freiheit einer zugegeben sehr harten, gleichwohl gewissenhaften, logischen Bewertung.

    Dieser Neuland-Satz mit einer direkten Manifestation im Prism-Kontext war, ist und bleibt mit Verlaub:

    Unsäglich peinlich – sowieso! Vielmehr aber noch ist es bekämpfenswürdig gefährlicher –

    Bullshit!

  2. Sie hat schon recht. Selbst so ist wie sie es gesagt hat und besonders im Kontext von Prism und dem zweiten Teil des Satzes: „und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen.“

    Das Internet ist für die Rechtsprechung und die Verbrechensbekämpfung nachwievor Neuland. Es müssen Wege und Mittel gefunden werden, Verbrecher effektiv daran zu hindern, die Möglichkeiten des Netzes auszunutzen, um uns zu schaden. Dass dies im Spannungsfeld zwischen persönlicher Freiheit und öffentlicher Sicherheit geschieht, war Hintergrund ihrer Aussage und das ließ sich im Kontext eindeutig so verstehen.

  3. Tomas Herzberger

    Frau Merkels Kommentar hat mich…

    1. überrascht. Immerhin publiziert sie seit gefühlten Dekaden wöchentlich einen Video-Podcast.

    2. erschreckt. Wenn unsere politische Führung in Sachen Internet nicht nur vor dem wirtschaftlichen, sondern in diesem Fall Datenschutz-rechtlichem Hintergrund im Dunkeln tappt, weiß ich nicht wie sie die Zukunft aktiv gestalten will. Sie begibt sich nicht in die Rolle des Visionärs und Gestalters, sondern in eine hilflose Opferrolle.

    3. irritiert. Für einen Großteil der Bevölkerung mag – wie du geschrieben hast – das Internet „Neuland“ im Vergleich zu anderen Medien sein. Aber gerade die Jungen, die Ambitionierten, die Vernetzten fühlen sich durch diesen Kommentar zu Recht abgewatscht. Und das sind nun mal diejenigen, die auch schnell in die Tasten hauen. Ja, es sind auch Menschen wie deine Großmutter, die das Internet nutzen – aber sie gestalten es nicht!

    4. belustigt. Piraten und SPD reiben sich die Hände.

  4. Und ich sach nur „Wat is ene Brauser?“ More here >
    http://www.sistrix.de/news/was-ist-ein-browser/
    Neuland ist eben auch eine Realität. Nicht nur Allways on und so.

  5. was für ein bullshit, sorry. zum schämen…

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