Reise

Zimmerservice in St.Petersburg

st.petersburg Im Januar 1991 hatte ich die außergewöhnliche Möglichkeit im Rahmen einer Studienreise, organisiert von zwei Lehrern der Feldbergschule in Oberursel, nach Moskau und St.Petersburg zu fahren. 20 Schülerinnen und Schüler unserer höheren Lehranstalt machten sich am 04. Januar 1991 auf den Weg gen Osten. Heute würden Schüler wohl den Flieger nehmen, wir bestiegen den Zug nach Ost-Berlin um dort in den Schlafwagenzug nach Moskau umzusteigen.

Eine spannende Zeit begann damals, denn wir ahnten alle nicht was wir so in den nächsten zeh Tagen erleben würden. Einige Bilder bei flickr vermitteln einen Eindruck wie es damals noch in der UdSSR aussah. Vor allem im Winter recht trostlos, und dazu auch noch verdammt frisch. Zwei paar lange Unterhosen hatte mir meine Großmutter empfohlen unter die Hose zu ziehen, ein guter Tipp!

Nach dem wir einige Tage in Moskau verbracht hatten und dort intensiv die ersten Kontakte zu Land & Leuten geknüpft hatten (Wodka wärmt die Seele und hilft Sprachgrenzen zu überwinden), ging es über Nacht mit dem Zug nach St.Petersburg.

zugtee Eine viel zu kurze Nacht, in der ein Angestellter der Staatsbahn seine Uniform verkaufte, wir in den Genuß eines besonderen Bordservice kamen (Kavier für 12. Klässler, dazu Wodka) und festsellen mussten, das Stadtrundfahrten im übernachtigen Zustand eher nicht so schön sind. Da hatte selbst der frühmorgendliche Tee (frisch aufgebrüht vom Schlafwagenschafner) nicht viel dran ändern können.

Wodka spielte in den nächsten Tagen noch weitere entscheidene Rollen, eigentlich kein Wunder, denn in der UdSSR der frühen 90´er Jahre ist Alkohol zwar auch keine Lösung gewesen, aber immerhin konnten sich die Sowjetbürger wenigstens ihr Land und die Umstände schön saufen. Anfang 1991 herrschte in der Sowjetunion in weiten Teilen der Bevölkerung eine echte Unterversorgung mit Lebensmitteln, während wir in den Devisenhotels wie die Maden im Speck lebten, bettelten alte Frauen auf der Strasse oder an den Bahnhöfen. Ob es heute besser ist?

Unser Besuchsprogramm und der staatlich bestellen Reiseführer (Ivan, ehemaliger Angolakämpfer und Soldat in der DDR) führte uns durch St. Petersburg und zeigte uns eine Errungenschaft des Kommunismus nach der anderen. Blöderweise hatten die schönsten Gebäude nicht die Kommunisten erbaut, sondern die Zaren. Da die Zaren nun aber auch nicht gerade ziemperlich im Umgang mit der normalen Bevölkerung gewesen sind, konnte man dies ruhig unter dem Aspekt betrachten, dass ein unfreies System sich der Glanztaten eines anderen unfreien Systems rühmt. Was aber an der Schönheit der Gebäude nicht wirklich etwas änderte.

Das wahre Gesicht zeigte St. Petersburg bei Nacht, bzw. beim Abendessen und beim Zimmerservice.

Während wir ausgehungert von einem wirklich ereignisreichen Tag (Eremitage bestaunen) im Speisesaal (Saal im Sinne von großer, sehr großer Raum) vor unseren leeren Tellern und den vollgefüllten Wodkaflschen in der Mitte der Tische saßen, ging plötzlich das Licht aus.

Wir starrten im wahrsten Sinne des Wortes in die Dunkelheit und hörten einige merkwürdige Geräusche, klappern, klirren, Schuhe die über den Boden huschten, dabei aber nicht leise waren, Stimmengewirr und dann wieder Licht!

Die Szenerie auf unseren Tischen hatte sich in einem nicht unerheblichen Teil während der Zeit der Dunkelheit geändert: Die Wodkaflschen fehlten!

Etwas erstaunt schauten wir auf die Mitte der Tische und schauten uns fragend an. Unsere Frage, sie muss uns deutlich ins Gesicht geschrieben gewesen sein, wurde innerhalb kürzester Zeit vom Servicepersonal beantwortet, denn wir wurden gefragt, ob wir noch Interesse an Wodka hätten. Die Flasche würde 10 US-Doller kosten.
Auf diese Art und Weise, mit dem kleinen Verdunkelugstrick, verdiente sich das Personal ein paar Devisen dazu. Die alkoholischen Getränke hatten wir nämlich bereits bezahlt, allerdings über den Reiseleiter und in Rubel, so wurde der Wodka im sozialistischen Warenkreislauf zu einem Devisenbeschaffer und wir hatten etwas über die Kultur des Sowjetbürgers gelernt. Keiner von uns konnte den Leuten im Hotel einen wirklichen Vorwurf machen, denn die meisten hätten unter den gegebenen Umständen ähnlich gehandelt.

strassenszene Der Zimmerservice brachte mein Weltbild vom ehrlichen, aber trickreichen, Sowjetbürger allerdings gehörig ins schwanken. Es ist im Januar in St. Petersburg (damals noch Leningrad) kalt, dazu auch noch durch die Ostsee teilweise nass-kalt, was entgegen zur trockenen Kälte in Moskau sehr unangenehm sein kann.

Aus diesem Grund hatten einige von uns auch Nachts ihre Jogginganzüge an, denn die sozialistische Plattenbauweise hatte an manchen Stellen einen durchziehenden Charakter, wogegen selbst die hochgedrehte Heizung, teilweise im Winter machtlos ist.
Diese Jogginganzüge trugen nicht immer, aber teilweise wohlklingende Markennamen.

Am Tag unserer Abreise betrat ein kleines Kommando von Servicetechnikern des Hotels unsere Zimmer. Sie müssten irgendwas überprüfen. Sie werkelten vor sich hin und hatten jede Menge Decken und Planen dabei. Mit den vielen Decken uns Planen hatten sie dann wohl später versehentlich in einigen unserer Zimmer die Jogginganzüge überdeckt und irgendwie mitgenommen. Als wir bemerkten, dass die Arbeiterklasse sich mit unseren kapitalistischen Trainingsanzügen eingedeckt hatten, beschwerten wir uns bei Ivan. Wir konnten uns einen Vortrag über den Sowjetbürger und seine Tatkraft anhören, seine Ehrlichkeit und das tägliche Bestreben die Menscheit jeden Tag besser zu machen.

Nun gut, sie konnten die Menscheit nun in kapitalistischen Trainingsanzügen besser machen. Am Ende des Tages hatten wir diese Trickserei, wie den Wodkatrick, unter Lebenserfahrung verbucht und den besonderen Gegebenheiten zugeschrieben. Trotzdem blieb uns dieser besondere Zimmerservice immer in Erinnerung.

Ebenso wie die gesamten 10 Tage bei Väterchen Frost; eindrucksvoll und unvergesslich!

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