Fitzelchen

Survival of the Fittest

Das Fitzelchen zum facebooken und ausdrucken Nach dem ersten erfolgreichen Meeting bei der Deutschen Bank beeilte sich Max, damit er seine nächste Verabredung bei der Commerzbank einhalten konnte. Die wenigen Meter zwischen den beiden Banktürmen legte er schnell zu Fuß zurück und so hatte er bereits bis um 10.00 Uhr zwei wirklich wichtige Deals erledigen können.

Zufrieden und glücklich mit sich und seinem Timing traf er sich daher am späten Vormittag mit ein paar Ex-Kollegen am Mainufer auf der Höhe des Nizza. Sie genossen alle die wärmende Sonne der Spätherbsttage, die Frankfurt und seinem Mainufer eine fast mediterrane Stimmung verlieh. Mit einem Urlaub am Mittelmeer hätte jeder der Anwesenden sicherlich gerne geliebäugelt, aber der tägliche Stress hielt die Männerrunde davon ab, an etwas anderes als die tägliche Routine rund um die Banktürme zu denken.

Max schaute auf die Uhr und fuhr sich durchs Haar, ein Besuch beim Friseur würde ihm auch wieder gut tun, aber erst in der nächsten Woche. Diese Woche hatte er zu viele Termine. Verschiedene Quartalspressekonferenzen standen an und er musste auch noch einige andere Termine mit wichtigen Leuten von Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen erledigen. Wenn alles gut lief, dann hatte er nächste Woche etwas mehr Zeit für sich. Diese Woche ging es aber, wie in den vergangen Wochen, Monaten und Jahren um den Job, das tägliche Überleben in der immer blutiger werdenden Finanzwelt am Main.

Bei Julius Bär schlug er fast einen Moment zu spät auf, aber Mona hatte auf ihn gewartet. Sie schaute etwas nervös nach links und rechts, er konnte verstehen, dass sie nicht unbedingt mit ihm gesehen werden wollte. Es könnte sie den Job kosten.

Sie drückte im hastig die Tüte von Feinkost Meyer in die Hand. Max schaute kurz rein, grinste zufrieden, denn Mona hatte ihm in die Tüte alles reingepackt was er in den nächsten Tagen brauchen würde. Wichtige Dinge für seinen Alltag die ihn von den anderen in seiner Branche abhoben, er gehörte mit seinen Kontakten und seinem Netzwerk zu den Besten in seinem Bereich. Er hatte viele Neider, die er sich redlich verdient hatte.

Da die Frankfurter Bankwelt nah beieinander lag konnte er die meisten seiner Termine zu Fuß, oder mit dem Rad erledigen, statt mit dem Taxi oder einer Limo vor den Bankhäuser vorzufahren und so jedem aufzufallen. Früher hatte er diese Form des Auftritts genossen, heute konnte er mit einer gewissen Anonymität gut leben. Nicht immer auf dem Präsentierteller sichtbar zu sein hatte auch seine Vorteile. Bei den Genossen gab es um 15.00 Uhr ein wichtiges Gespräch der deutschen Spitzeninstitute der Volks-/Raiffeisenbanken. Für ihn einer der Termine in dieser Woche. Hier würde er essentielle Dinge für die nächsten Tage mitnehmen können. Bis dahin hatte er noch etwas Zeit. Er überlegte ob er schnell zu seiner Cityresidenz radeln sollte, entschloss sich dann aber beim Zeitungskiosk gegenüber der EZB einen Blick in die Tagespresse zu werfen und einen Espresso zu nehmen. Die Angestellte des Kiosks, eine liebreizende Asiatin kannte Max schon lange und grüßte ihn kurz als er am Kiosk auftauchte. Der Espresso wärmte ihn ganz angenehm und er blätterte etwas zu lange in einer Ausgabe der FT, denn seine asiatische Kioskfreundin raunzte ihm ein „Kauf sie dir doch“ zu.

Nach dem Kiosk stieg er schnell am Kaiserplatz in den Frankfurter Untergrund hinab und brachte den Inhalt seines Businessbags zu seiner Residenz. Dort angekommen stellte er fest, dass ein Leben ohne seine Putzfrau für ihn etwas unangenehm ist, denn er fand nicht sofort das was er suchte.

Er musste sich ranhalten, Geld schläft nicht und die langweiligen und spießigen Volksbänker würden sicherlich ihr Programm pünktlich durchziehen, daher musste auch er pünktlich sein, wenn ihm nicht das Geschäft des heutigen Tages entgehen sollte.

Petra lächelte ihn freundlich an, als er durch die Sicherheitsschleuse bei der DZ Bank huschte und sich auf den Weg zum Treffpunkt machte. Er lobte sich für seine Weitsicht in früheren Tagen auch mit Frauen geschlafen zu haben die nicht seinem beruflichen Status entsprochen hatten. Jede dieser Frauen fühlte sich ihm heute noch zu Dank verpflichtet und er versuchte sich auch heute noch immer wieder zu revanchieren, hier mal ein Blümchen, dort mal ein andere kleine Aufmerksamkeit. Mit ihm ins Bett wollten die meisten wohl nicht mehr, aber auch das konnte er verstehen. Die Jahre hatten auch ihn altern lassen und die Mitgliedschaft im Ruderclub hatte er schon lange ruhen lassen. Gerade die mondänen Sommerfeste auf dem Balkon der Germania hatten ihm so manche unvergessliche Nacht eingebracht.

Nun aber weiter im daily business dachte er sich, nicht an gestern denken, sondern das hier und jetzt ist entscheidend für die Erfolge und Misserfolge der nächsten Tage und Wochen.

Er setze sich und musste nur kurz warten, dann öffnete sich die Tür zum Meetingroom und Max betrat den Raum. Seine Leute hatten ihn richtig informiert, alles was er brauchte befand sich noch dort. Er sah sich schnell um, nickte Gregor zu, der wie immer als letzter den Meetingraum verlassen würde, und wechselte ein paar Worte mit ihm. Kinder und Frau alles in bester Ordnung, die Eintracht wird wohl aufsteigen, kurzer Small-Talk unter schwer beschäftigten Männern eben. Gregor hatte schon lange mit seinem Job ernsthaft abgeschlossen und so konnte Max sich unter seinen Augen bedienen. Gregor und Max hatten manche Party gerockt und durch ihre Nasen hatte das Koks an manchen Abend in Biggis Bar die Fließgeschwindigkeit des ausgeschenkten Champagners deutlich übertroffen. Heute hatten sie beiden andere Interessen, aber an manchen Stellen eben auch Deckungsgleiche.

Die schwere grüne Flasche mit dem orangefarbenen Etikett explodierte mit einem lauten Knall in der Mitte der Mainzer Landstraße, jetzt gegen 21.00 Uhr hatte dieses alte Spiel große Teile des Nervenkitzels verloren, aber es machte immer noch Spaß wenn die kleinen Angestellten aus den Kanzleien und Banktürmen aufgeschreckt vom Zerplatzen der Flasche aus ihrem Heimwegschlaf gerissen wurden und irgendwie vermeiden mussten einen Unfall mit dem Firmenwagen zu verursachen. Er hatte die dritte Flasche Champagner des Abends in der Hand und überlegte ob er auch diese noch auf die Straße schleudern sollte, aber er wollte die kleinen Ameisen aus den Türmen der Macht nicht noch weiter ärgern. Er feierte sich und einen seiner besten Tage der letzten Wochen nun schon seit dem er die DZ Bank verlassen hatte, und entschloss sich die dritte Flasche mit in die Residenz zu nehmen.

Drüben bei der EZB campierten noch ein paar von den Occupy-Trotteln, im Irrglauben die Welt durch ihren Protest verändern zu können. Er musste fast laut auflachen, denn wer wusste es besser als Max der Große, dass die Bosse in den Banken sich niemals von diesen kleinen Wanzen in ihren Zelten vom Thron stoßen lassen würden. Auch die Politik würde wohl bald dem Geschrei der bürgerlichen Stadtgesellschaft nachgeben und die Staatsgewalt würde den Platz zwischen EZB, Schiller und Schauspiel wieder ihrem alten Zweck übergeben.

Er machte sich auf den Heimweg zur Residenz. Er lebte noch immer in der City, einige seiner Kollegen hatten in der Krisenzeit die Stadt verlassen, oder sich in weniger chicen Stadtteilen, wie Berkersheim und Schwanheim, niedergelassen. Für ihn keine Option! Er brauchte die Nähe der City für sein Geschäft.

Unten im Versorgungsschacht der U-Bahn hatte er sich häuslich eingerichtet, hier lebte er nach dem er seine Kanzlei verloren hatte, weil ihn die Bank mit ihren Schrottpapieren verarscht hatte.

Nadja hatte sich mit dem Haus auf Mallorca und den Kindern aus dem Staub gemacht und kannte ihn nicht mehr. Er lebte gut von seinen alten Kontakten; in den nächsten Tagen würde wieder viel Essen bei den Meetings und Events übrigbleiben. Dank seiner Freunde beim Catering und in den Houesekeepingabteilungen seiner alten Kunden wusste er wann und wo sein musste. Max der Große würde nie aufhören die Leckereien von Schlemmermeyer & Co. zu essen.

Max streichelte die leere Flasche Champagner und roch noch einmal am Duft der alten Tage, dann schlief er mit dem Rhythmus der Frankfurter U-Bahnen ein.

Er träumte von einem Friseurbesuch.

Die Geschichte ist frei erfunden.

Die Fitzelchen sind jetzt auch bei facebook.

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