NSFW & Gossipkram

Prominente Botschafter von Krankheiten – Bestseller statt Bittsteller

Am Frühstückstisch sitzend schaut mich Rudi Assauer an, er hat Alzheimer und die WamS liefert mir 50 Fakten zu dieser Krankheit. Die 50 in der Überschrift ist in sympathischen Lettern gesetzt, so als ob die Überschrift „50 Fakten über den Winter“ heißen sollte, anstatt Fakten über eine Krankheit die dafür sorgt, dass wir unser Leben vergessen.

Vor ein paar Wochen saß ich ebenfalls am Sonntagsfrühstückstisch und hörte zu wie Gaby Köster über ihren Schlaganfall erzählte. Mit der typischen, leicht gebrechlichen, Stimme eines Menschen der sich gerade erst wieder an seine eigene Sprache gewöhnt parlierte die Kölner Ulknudel von ihren Erfahrungen.

Menschen die über Krankheiten wie Alzheimer und Schlaganfälle sprechen kennen wir doch sonst nur von Aushängen in Seniorenheimen und Krankenhäusern, dort heißt es dann „Betroffene erzählen von der Krankheit„, und in sterilen und langweiligen, meist, wenn wir ehrlich sind, nach dem letzten Stadium riechenden Räumen sitzen dann ein paar Familienangehörige,Ärzte und Betroffene erzählen von dem Willen der benötigt wird einen Schicksalsschlag wie Alzheimer, Krebs oder Schlaganfall zu bewältigen.

Aufmerksamkeit für die Kranken gibt es im Sinne von breiter Aufmerksamkeit nicht. Da muss schon eine Gaby Köster einen Schlaganfall oder eben ein Rudi Assauer Alzheimer bekommen, damit es die breite Masse erreicht. Prominente Botschafter von Krankheiten sind also notwendig damit wir uns mit Alzheimer & Co. beschäftigen?

Es macht zumindest den Eindruck, denn die Wams würde wohl kaum die Titelseite für Alzheimer hergeben, wenn Hubert Müller aus Fallersleben an Alzheimer erkrankt, obwohl es egal ist ob Rudi Assauer oder Hubert Müller diese Krankheit haben, für beide ist es das Ende des bisherigen Lebens. Nur Rudi Assauer kann, ebenso wie Frau Köster, nochmal über die Titelseiten der Gazetten wandern und in Talkshows auf die Tränendrüse drücken. Bücher werden geschrieben und Interviews geführt, sprich die Krankheit wird medienrelevant vermarktet und somit der ganz große Unterschied zwischen Lieschen Müller und ihrer Erkrankung und dem Krankheitsverlauf von Prominenten deutlich. Während Frau und Herr Müler im schlimmsten Fall zum Bittsteller bei Krankenkasse und Sozialamt werden, werden Herr Assauer und Frau Köster zu Beststellern.

Sicherlich ist es gut, wenn eine Krankheit durch einen prominenten Betroffenen mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, aber ich finde die aktuelle Betroffenheitsberichterstattung grenzwertig und herabsetzend für alle Betroffenen die eben kein Beststeller mit ihrer Krankheit schreiben können, sondern zum Bittsteller werden.

Vielleicht trauen sich die Medien mal die normalen Kranken mit Gagen zu unterstützen in dem diese uns erzählen wie es ist, wenn sich der linke Arm nicht mehr bewegen lässt und die Zunge langsamer artikuliert als früher.

1 Kommentar

  1. Lieber Bembeltowner,
    Du sprichst mir aus der Seele! Danke für diesen guten Beitrag.
    Liebe Grüße
    Kirsten

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