Fitzelchen

Die schöne Helena

Hector betrat das Opernhaus und schüttelte sich den Regen aus dem Mantel. Er hatte einen kleinen Spurt hingelegt um halbwegs trocken von der Metrostation zur Oper zu gelangen. Normalerweise würde er vor einem Opernbesuch immer noch ein Glas Champagner im Café de la Paix zu sich nehmen, aber heute Abend musste er davon abweichen. Erst hatte ihn seine Vermieterin im Hausgang abgefangen und nach den ausstehenden Mieten der letzten zwei Monate gefragt, dann hatte der Geldautomat am Gare de l´Est auch keine freundliche Minute und gab nur noch 100 € aus und um den Abend dann noch perfekt zu machen lief er Mathilda über den Weg.

Mathilda, die kleine dralle deutsche Praktikantin aus der Gegend von Berlin, er konnte sich diese komischen deutschen Ortsnamen nicht merken und wollte es auch nicht, denn er empfand diese harte und unmelodische Sprache als Beleidigung für seine romanische Zunge. Einmal hatte er versucht mit einem deutschen Mädchen ein wenig warm zu werden, aber Hector schaffte es nicht. Nach wenigen Minuten stand er auf und hatte ihr gesagt, dass er ihr nicht mehr zuhören könne, denn ihr französisch würde klingen als ob jemand ein ruckelndes Tonband angeworfen hätte.

Mathilda hatte ihn zu einem bière einladen wollen, er lehnte dankend ab, dann nahm er die Rolltreppe und verschwand in den Tiefen der Metro. Die Zeit bis zur Station Opera überbrückte er mit einem Blick in eine Zeitung die auf einem Sitz lag. Die Kritik über das Stück des heutigen Abends las er schnell quer, dann stieg er aus und eilte in das Opernhaus.

Lustlos nippte er an einem Glas Wasser und sah sich die aus dem Regen hereineilenden Gäste an, niemand den er kannte. Eine Erleichterung für ihn, denn er hätte kaum erklären können was er an diesem Abend in der Oper tat. Die akute Geldnot der letzten Monate hatte ihn zu einem Nebenerwerb gezwungen den niemand seiner Kollegen in der Kanzlei gutheißen würde.Seine Spielsucht hatte ihn leider eine mehr als große Stange Geld gekostet. Da er neben seinem Studium und der Anstellung in der Kanzlei seines Vaters kein weiteres Kapital besaß, hatte er sich entschlossen die Idee seiner Hauptgläubigerin umzusetzen. Hector Envie, Sohn eines der großen Pariser Kanzleibesitzers, arbeitet als Callboy.

Heute Abend hatte er wieder einen Auftrag, er würde ihm 800 € bringen. Seine Klientin, eine Dame Mitte Fünfzig hatte ihn aus einer Bildkartei ausgewählt. Sie wollte das ganze Programm, Theater, Essen und Unterhaltung.

Hector konnte die Dame nicht finden, er ging zur Bar und nahm ein Glas Champagner, jedes Glas kostete ihn 8 €, er konnte sich also schnell ausrechnen wann der Abend ein Ende haben würde, wenn die Dame nicht bald auftauchen würde.

Er lehnte sich zurück, nahm einen tiefen Schluck und nach dem dritten Gong begab er sich zu seinem Platz. Reihe Vier, Platz 8. Auf Platz Nummer 9 saß eine junge Dame. Er setze sich und genoss den ersten Akt mit der wundervollen Musik von Jaques Offenbach. In der Pause gönnte er sich ein weiteres Glas und einen kleinen Happen. Er überlegte seine Kontaktdame bei der Agentur anzurufen und ihr mitzuteilen, dass er zumindest ein Ausfallhonorar verlangen würde.

Auf der Bühne kämpfte Menelaos um die Liebe seiner Frau am Strand von Nauplia und Hector mit dem Gedanken die schöne Sitznachbarin zu einem Abendessen einzuladen, nur von welchem Geld?

Die Operette ging zu Ende und die schöne Unbekannte erhob sich, sah ihn an und fragte „Noch was vor?“. Seine Antwort hatte sie offenbar nicht überrascht, sie gingen vor die Tür des Opernhauses und nahmen ein Taxi. Sie sagte dem Fahrer wohin es gehen würde. Dann fuhren sie schweigend durch das regnerische Paris. Vorbei am Triumphbogen ging es in eines der besten Restaurants der Stadt.

Hector genoss den Abend mit der hübschen Frau, sie hatte ein umwerfendes Lachen und er wünschte sich, sie würde seine Kundin gewesen sein. Aber so, als sie den letzten Schluck Wein zu sich genommen hatten und der Kaffee geleert wurde, wurde ihm die Realität wieder bewusst.

Selten hatte er sich so gut unterhalten und ein so fließendes Französisch gehört. Der leichte Akzent hatte ihn direkt angemacht. Nun am Ende dieses charmanten Abends würde sich für ihn der Vorhang senken, so wie König Menelaos seine Frau an den hübschen Paris verloren hatte, so würde er diese Frau an die Stadt verlieren. Er dachte an Mathilda und ob es nicht besser gewesen wäre mit ihr ein Bier zu trinken.

Der Kellner brachte die Rechnung. Die Stunde der Wahrheit für Hector. Seine reizende Begleitung nahm seine linke Hand, schaute ihn an und dankte ihm für den schönen Abend. „Meine Mutter hätte sich über sie als Begleitung sehr gefreut, ich danke ihnen für diesen abwechslungsreichen Abend“, dann schob sie unauffällig einen kleinen Briefumschlag über den Tisch und zahlte die Rechnung. Sie stand auf, gab ihm einen Kuss auf die linke und rechte Wange und schwebte aus dem Lokal.

Der Kellner brachte ihm einen großen Cognac und beugte sich zu ihm.

„Die schöne Helena habe ich schon lange nicht mehr so zufrieden gesehen, sie müssen ein talentierter Unterhalter sein“. Hector hielt seinen Arm fest und wollte wissen, ob er wisse wer die Dame sei.

Die Tochter des deutschen Botschafters und seiner griechischen Frau – , die Antwort hallte ihm noch in der Metro auf dem Heimweg in den Ohren nach.

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1 Kommentar

  1. MariaWeinbauer

    Eine schöne Geschichte, im traumhaften Paris. Mir fehlte aber ein wenig das Salz im Süppchen. Hätte der liebe Hector nicht noch etwas für die Kohle tun können, oder müssen? Bitte weiterschreiben, freue mich auch auf die angekündigte Asienstory.

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