Fitzelchen

Fionas Schweigen

Montag, der 15. August

Dr. Snijder hatte den Telefonhörer aufgelegt und er konnte nicht glauben, was ihm so eben der oberste Stabsarzt der Guardia Civil aus dem Oberkommando in Madrid mitgeteilt hatte.

Er stand auf und ging aus seinem Büro im obersten Stockwerk der Brüsseler Hauptquartiers der Nato zum Aufzug und fuhr mit dem Direktaufzug in das dritte Untergeschoss. Die Sicherheitsprüfungen dauerten einige Minuten dann betrat er das Operationszentrum für Biochemische Kampfstoffe. Eine Einheit die direkt dem NATO-Militärausschuss unterstellt ist und eigentlich nicht existierte.
Im Archiv entnahm er einer Kühlbox einen gelben Koffer, er verglich die Zahlenkombination auf der Box mit dem Ausdruck aus seinem Computer. Die Zahlen stimmten überein, nach 38 Jahren musste er sich nun noch einmal damit beschäftigen.

Hinter ihm hatten Dr. Veronica van Houten und Dr. Pieter Djikstra, zwei seiner besten Ärzte, den Archivraum betreten und sahen wie ihr Chef die gelbe Box öffnete und ihr zwei Reagenzgläser entnahm.

Sie folgten seinen Anweisungen und ließen aus dem Inhalt der Reagenzgläser im hauseigenen Labor ein Serum erstellen, sie selber wurden mit dem Inhaltsstoff des ersten Reagenzglases geimpft und wenige Stunden später saßen sie in einem zivilen Flugzeug der Nato mit dem Ziel Palma de Mallorca.

Zwei Tage früher

Oberhalb der Bucht von Andratx saß Fiona umringt von ihren Katzen auf der Terrasse ihrer kleinen Finca, sie hatte sich gerade die Geschwülste an den Beinen mit der neuen Salbe aus Madrid eingerieben, welche die Katzen so gerne ableckten und ihre Tabletten genommen, als sie vor dem Centro de Salud im Hafen erneut einen Krankenwagen vorfahren sah. Was wohl los ist, so viele Krankenwagen in wenigen Stunden. Sie seufzte und nahm einen Schluck Tee, die wärmende Sonne fiel auf ihr Gesicht und half ihr die Schmerzen zu vergessen. Ihr Körper hatte wieder einen Schub bekommen, aber sie wusste, sie würde auch diesen überleben.

Raquel Noque wusste nicht was sie noch machen sollte, ihr Chef Dr. Alessandro Hernadez, hatte allen vier Patienten bereits die höchste erlaubte Dosis an Morphium verabreicht, offenbar das einzige Mittel was half. Dennoch hatten alle Patienten nach dem hohen Fieber die Geschwülste an den Beinen und Armen bekommen, die Frauen auch an den Brüsten und ihm Gesicht. Keine Salbe half und nur das Morphium konnte die Schmerzen offenbar halbwegs lindern.

Dr. Hernandez hatte in Palma angerufen und um Hilfe gebeten, von dort kam ein weiterer Arzt, es wurden Proben nach Madrid geschickt und seit dem hatte sich nichts getan, nur die alte Fiona hatte bei ihm angerufen und gefragt was los sei. Er hatte es ihr kurz berichtet und ihr dann noch ein schönes Wochenende gewünscht.

Fiona hatte nach dem Gespräch mit dem Arzt die Nummer angerufen die in ihrem Mobiltelefon als Notfallnummer hinterlegt worden war.

Montag, 15 August gegen 18.00 Uhr

Fiona schaute durch ihr Leica-Fernglas und sah wie eine dunkelblauer Seat vor dem Centro hielt, zwei Personen, eine attraktive sehr blonde Frau und ein kleiner untersetzter rothaariger Mann, stiegen aus. Sie trugen kleine Metallkoffer bei sich und verschwanden schnell im Gebäude.

Dr. Hernandez wurde vom Besuch der beiden Holländer überrascht, erst vor wenigen Minuten hatte ihn ein Anrufer aus Madrid die Ankunft der beiden Kollegen aus Brüssel angekündigt. Sie würden für eine europäische Einheit zur Bekämpfung unbekannter Krankheiten arbeiteten wurde ihm gesagt und er habe mit ihnen zusammen zu arbeiten.

Raquel und Dr. Hernandez wurden von Veronica van Houten geimpft, dann erklärte sie den beiden , dass es sich hier um einen medizinischen Notfall handeln würde und kein Wort mit der Presse gesprochen werden durfte. Alle Patienten aus dem Krankenhaus in Andratx würden nach Madrid verlegt, dies würde in ca. 24 Stunden möglich sein, denn der Verlauf der Krankheit sei bekannt und würde einen Transport möglich machen. Bis dahin müssten die Erkrankten alle drei Stunden ein Serum gespritzt bekommen, welches in wenigen Stunden angeliefert würde.

Pieter und Veronica hatten alle Patienten untersucht, sie hatten alle Spuren von Katzenbissen. Dr. Snijders schlimmste Vermutung traf also zu. Sie mussten die Tiere finden und zur Not alle Katzen auf der Insel töten lassen. Dr. van Houten besprach die Situation mit Brüssel und wurde aufgefordert mit den spanischen Kollegen vor Ort alle Ansammlungen von Katzen wie Tierheime, Müllplätze, Tierkliniken und Walstücke von der Polizei absuchen zu lassen. Alle Tiere einzufangen und in Quarantäne zu versetzen. Es dürfe sich niemand beißen lassen, wenn doch dann müsste die betreffende Person sofort eine Spritze bekommen, aber eine vorsorgliche Impfung wurde abgelehnt dies würde nur Panik auslösen. Aus allen Polizeidienststellen der Insel würde Unterstützung kommen.

Fiona streichelte Miquel, ihren ältesten Kater, er hatte den Weg zurück gefunden und ließ sich streicheln, er wirkte schwach und kränklich, sie ahnte warum. Als sie vor zwei Tagen die Krankheitsbeschreibung der Patienten bekommen hatte, wusste sie was passiert ist. Die Katzenpest hatte sich auf natürliche Weise weiter entwickelt. Ihr Körper als menschliches Labor war dafür verantwortlich, das spürte sie und hatte zu weinen begonnen.

In den Tränen sah sie das freundliche Gesicht des jungen Arztes in der Klinik in Gent, er hatte sie gerettet. Die einzige aus ihrer ganzen Familie, alle anderen starben noch im Zigeunerlager vor den Toren der Stadt, oder später in einer der Container die eiligst aufgebaut wurden.

Es hatte acht Monate gedauert bis sie aus Brüssel in die Schweiz zur Kur gebracht wurde, in diesen acht Monaten hatte sie öfter wachgelegen als es ihre Aufpasser vermutet hatten, sie streifte dann durch das gut bewachte Krankenhaus und hatte auf diesem Weg den wahren Grund für ihr Leiden und den Tod ihrer ganzen Familie erfahren. Die Nato hatte an ihnen ein Kampfmittel erprobt. Es wurde von Katzen auf Menschen übertragen. Die Katzen wurden durch die Krankheit aggressiv und bissen zu, meist Kinder die mit ihnen spielen wollten. Der Biokampstoff sollte die Kinder mit hohem Fieber infizieren, dann sollten Geschwülste am Körper auftreten und nach fünf Tagen sollten alle Symptome abklingen. Die Nato wollte mit diesem Kampfmittel die Eltern an die Betten ihrer Kinder binden, besorgte Mütter und Väter sollten die Kliniken der Gegner stürmen und so den Willen der Bevölkerung im Falle eines Krieges schwächen. Eltern die sich um ihre Kinder sorgen würden nicht in den Krieg ziehen, so die Idee der Kalten Krieger.

Sie wusste, dass dieses Experiment scheiterte! Die Kinder erkrankten, die Eltern kümmerten sich um sie und wurden auch krank, aber die Krankheit verlief schneller als bei den Kindern, so starben die Eltern meist schon am hohen Fieber, während die Kinder erst an den wild wuchernden Geschwüren starben, welche auch die inneren Organe befielen.

Sie hatte es überlebt, der junge Arzt hatte um sie gekämpft. Aus ihrem Blut wurde später ein Antiserum entwickelt. Nach der Kur in der Schweiz durfte sie ein Internat besuchen, sie hatte wenige Freunde, denn die Krankheit hatte ihr Gesicht entstellt und ihre Narben am ganzen Körper machten sie nicht gerade attraktiv. Sie ging nach Mallorca und malte, die Nato zahlte das Haus, die Verpflegung, die Medikamente, einfach alles. Und sie schwieg.

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