Lifestyle Netzkram

Die sozialen Netzwerke der Alten

Kirche, Altenkaffee, Seniorenbasteln, Friedhof & Pflegeheimcafeteria statt Facebook, WordPress, Twitter & flickr?

Die Einleitung klingt hart und überspitzt, aber am Wochenende hatte ich die Möglichkeit mir einmal Gedanken über unsere Alten zu machen. Nicht die Generation 60+, welche wir schon als Silversurfer bezeichnen und bereits mit Handy, Laptop und Xingaccount ihre Businessangelkontakte weltweit pflegen. Nein, die Generation 80+ (Generation Pflegeheim sagte jemand am Wochenende boshaft!). Die Generation die eben zu alt gewesen ist für die Seniorenkurse der Telekom und mit einem V-DSL-Zugang nichts anfangen können, weil Florian Silbereisen in der ARD sein Unwesen treiben kann, ganz ohne Laptop (und ohne Lederhose).

Soziale Kontakte werden bei dieser Generation noch im echten Leben gelebt, ein Zusammentreffen beim Altenkaffee, eine Fahrgemeinschaft der noch Fahrtüchtigen Rentner untereinander um zum Gottesdienst kommen zu können (Lasst die Alten zu mir kommen, aber wenn dann mit dem eigenen Auto….), der Besuch am Graben der Verstorbenen. Der Friedhofsbesuch als Ort des Twitters, hier zwitschern die Rentner über den letzten Arztbesuch, die Gebührenordnung des Abwasserverbandes und wie mühselig die Pflege der Gräber ist.

Danach geht es zum Gottesdienst und dann zum Altenkaffee, zum Seniorenausflug und danach in die Ruhe der eigenen vier Wände, ohne den Stress der kontrollierten Statusmeldung, dafür aber mit dem guten Gefühl Zeit mit echten Menschen verbracht zu haben.

Die modernen sozialen Netzwerke ersetzen noch nicht das reale Leben, sie werden aber immer mehr zu einem Teil unseres Lebens. Wir checken ein @Realparkplatz Eschborn und werden dann irgendwann King of Realparkplatz, wir sind gerade am twittern und bloggen und neben uns sitzt der Lebensgefährte und liest bei Facebook for iphone, dass wir gerade happy und zufrieden sind.

Geht es den alten Menschen ohne unsere sozialen Netzwerke nun besser oder schlechter? Die Frage wird wohl kaum vernünftig zu beantworten sein, aber am Wochenende hatte ich das Gefühl, dass es ihnen teilweise besser geht. Die Ehrlichkeit mit der nachgefragt wird „Wie geht es Dir?“, die echte Sorge um einen Menschen der schon lange nicht mehr im Gottesdienst gesehen wurde und das Wissen um den nächsten Termin für die Seniorenfahrt machen die Alten glaube ich manchmal schon ein wenig glücklicher.

Selbstverständlich bringen gerade die neuen Kommunikationswege gerade den älteren Menschen mehr Sicherheit im täglichen Leben, mit Notrufsystemen am Handgelenk sind sie abgesichert und können ihr Leben besser genießen, aber sie kennen den Stress der Statusmeldung nicht und vermissen diese auch nicht.

Miriam Mekel hat in ihrem Buch – Das Glück der Unerreichbarkeit – über diesen glücklichen Zustand geschrieben, wenn auch aus einer anderen Sicht.

Niemand zwingt uns zum bloggen, facebooken, twittern und Bilder uploaden, wir machen es einfach, weil es für viele von uns dazu gehört. Es ist ein Teil unseres Lebens geworden. Nur manchmal erscheint es einem eben absurd und die Grenzen werden einem manchmal bei einem Friedhofsbesuch vor Augen geführt, oder könnt ihr Euch vorstellen, wie ihr @Friedhof Ringstrasse eincheckt?

Miriam Meckel hat es dann auch nicht geschafft ihre ganzen guten Ideen und die Glücklichkeit der Unerreichbarkeit umzusetzen; als Resultat des modernen gehetzten Lebens konnte sie ihr nächstes Buch dem Thema „Burnout“ widmen. In – Brief an mein Leben – beschreibt sie dann sehr genau wie es zur Überlastung, auch durch Kommunikation gekommen ist.

Seltsamerweise kann sich, so glaube ich, fast jeder in manchen Zeilen wiederfinden, nicht ebenso gehetzt und wichtig wie Frau Meckel, denn wir führen zum Glück dann doch oft ein zwar hektisches und stressiges Leben, aber wir haben auch unsere Ruhepole und leben nicht nur auf Vortragsreise und im kommunikativen Dauerstress. Wir finden uns dann zwar wieder, aber wir ändern nichts. Gestern auf der Heimfahrt habe ich mir die Grundgedanken zu diesem Blogeintrag gemacht und fast schon, wie ein Reflex, smsen versendet, Facebookeinträge verfasst und Bilder hochgeladen. Ich hätte auch einfach die Füße hochlegen und mein Buch lesen können.

Am Wochenende fand ich die Entschleunigung ganz schön, ich habe zwar auch gebloggt und geflickrt, aber ruhiger und mir mehr Zeit für die sozialen Kontakte im echten Leben genommen. Eine gesunde Mischung aus beiden Welten ist glaube ich eine gute Lösung, denn nur mit den sozialen Netzwerken unserer Generation kann ich über meine Gedanken aufschreiben und bekomme die Möglichkeit es einer breiten Schicht von Menschen mittteilen zu können. Bis zum nächsten Altenkaffee hätte ich viele Gedanken wohl wieder vergessen gehabt, da ist es gut, dass ich bloggen kann.

3 Kommentare

  1. Schöne Gedanken, die alzu schnell in Vergessenheit geraten. Wieviele von den super-vernetzten hippen Kiddies hat den noch reelle kontakte?
    Wohl die wenigsten, wie man an den mangelnden Fähigkeiten in Sprache und Kommunikaion täglich merkt.

  2. pinkpeca

    @Sascha: wobei man ja kurioserweise von super-vernetzten und -kommunizierenden Menschen egal welchen Alters ja eigentlich eher erwarten sollen könnte, dass sie sich sprachlich gut ausdrücken können, wenn sie schon den ganzen Tag kommunizieren – das ist ja das Erschreckende!

    @Mainbube: finde das auch schöne Gedanken! Etwas Entschleunigung und reelle Kontakte hier und da sind wichtig und werden immer wichtig sein!

    Wobei ich gerade schmunzeln musste, als ich daran denken musste, dass ich früher so im Teenageralter mit meiner besten Freundin immer stundenlang telefoniert habe, um uns dann danach trotzdem noch zu treffen – wir wohnten im Haus nebeneinander!!! Ich glaube, einige der Effekte sind quasi ganz „normal“ in dem Alter, unabhängig von der Generation ;-)))

  3. Ja, die ewigen Telefonate mit Freunden aus der gleichen Siedlung sind mir auch noch in Erinnerung. Heute ist es dann wohl eher der Austausch per Facebook und Twitter, dafür aber dann auch sehr günstig bis nach Australien.

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