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Aus der SZ: Der Sturm von Martin Mosebach

Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach hat zum Umzug des Suhrkamp Verlags nach Berlin in der SZ einen lesenswerten Beitrag geschrieben:

Gegenwärtig wird Frankfurt am Main so streng untersucht wie eine Sklavin auf dem Sklavenmarkt, die sich in die Wangen kneifen lassen und die Zähne zeigen muss – ist es die Stadt wert, dass sich bedeutende Verlage in ihren Mauern niederlassen? Hat sie genügend geistige Substanz? Hat sie ein intellektuelles Publikum, das eine anspruchsvolle Produktion kritisch zu begleiten vermag? Ist sie eine wirkliche Großstadt? Schlägt in ihr der Puls der Zeit?

Solche Fragen müssen den Prüfling verlegen machen. Frankfurt gehört nicht zu den Städten mit auftrumpfendem Lokalpatriotismus. Zu keiner Zeit hat es Berufs-Frankfurter gegeben, wie es Berufs-Berliner und Berufs-Münchner gibt. Frankfurter waren stets ein leidenschaftsloser Menschenschlag, aber mit einer Ironie begabt, die nicht auf die Erzeugung von Lachsalven zielte, sondern das Leben mit einem sanft skeptischen Spott unterlegte. Ihr Dialekt war plump, die akademischen Milieus legten ihn im letzten Jahrhundert ab, aber er besaß große Komik und war vor allem zu jeder Art von Pathos unfähig. Es ist unvorstellbar, dass der Erfinder des Slogans, Suhrkamp-Bücher seien „wichtig“, ein Frankfurter gewesen ist.

Adorno, selbst geborener Frankfurter mit freilich gleichsam chemisch gereinigter Aussprache des Deutschen, klagte darüber, dass er in einer Stadt lehre, wo die Studenten den englischen Philosophen Hobbes wie „ebbes“ aussprächen – „ebbes“ heißt „etwas“ – vielleicht wollte dieser Sprecher zum Ausdruck bringen, dass Hobbes den Staat „ebbes“ zu wichtig nehme? Nicht ohne Grund wird hier aber von solchen Frankfurter Nationaleigentümlichkeiten im Imperfekt gesprochen. Die Stadt ist klein; wer klug genug ist, in der Innenstadt zu wohnen, kann jeden Weg zu Fuß machen. Dieser kleinen Stadt wurde nach dem Krieg ein Bankenzentrum eingepflanzt, das eine Millionenstadt um sich herum nötig gehabt hätte. Wer in den gläsernen Türmen arbeitet, stammt in den seltensten Fällen aus Frankfurt und bleibt höchstens drei, vier Jahre, bis es nach London oder Shanghai weitergeht. Altfrankfurter Eigenart ist im Nachkriegsfrankfurt ebenso zermahlen worden wie die ausgebrannte gotische Altstadt.

Eine Stadt ohne Eigenschaften? Es ist jedenfalls nicht leicht, das spezifische Parfum der Stadt in die Nase zu bekommen. Der Frankfurt-Mythos der sechziger und siebziger Jahre, das kaputte, verrottete Ganoven-Frankfurt, war eine Phantasiekonstruktion von Kleinstädtern, das feine fade Hellgrau, die eigentliche Frankfurter Farbe, wurde ins Dämonische geschminkt. Aber passt dies Hellgrau, diese etwas lustlose Tönung, nicht vorzüglich zu dem finanziellen Machtzentrum, zu dem Frankfurt nach dem Krieg geworden ist? Anders als militärische oder politische Macht ist die Macht der Banken unanschaulich und abstrakt, ihre Natur ist nur den Eingeweihten einsichtig. Aber wenn, in Weiterführung des Napoleon-Wortes, „die Wirtschaft das Schicksal ist“, dann müsste Frankfurt, wo es keine stallwarme Kiezbehaglichkeit und keine verschlafenen Nischen gibt, wo alles Alte neu und alles Neue blass ist, der richtige Ort für wirklichkeitshungrige Zeitbeobachter sein.

Es ist ein Klischee, dass Frankfurt eine am sogenannten Geist reichlich uninteressierte Stadt sei, aber, wie es sich mit vielen Klischees verhält, ist auch hier etwas Wahres getroffen. Die Liste der großen Maler, die in Frankfurt gemalt haben, der Schriftsteller und Philosophen ist lang, Universität, Zeitungen und Buchmesse sind gleichfalls eindrucksvolle Institutionen – aber es lässt sich das Gefühl nicht besiegen, dass alle diese Künstler und Gelehrten, die Theater und Ausstellungen hier nicht sehr tief verwurzelt sind, weder mit der Stadt amalgamiert noch aus ihr hervorgegangen. Die zahlreichen kulturellen Anstrengungen in der Stadt seien nicht verkleinert, aber sie sind nicht mit den Quellen verbunden, aus denen sich die Vitalität der Stadt speist. Und könnte es nicht sein, dass gerade das Desinteresse einer Stadt an den Künsten für den Künstler von großem Vorteil wäre? Wo es kein kulturelles Milieu gibt, kann es auch nicht umarmen oder ersticken. Nützen können dem Künstler vor allem die Städte, die ihn nicht brauchen. Was heißt das? Wenn der Suhrkamp-Verlag spätestens zwei Jahre nach seinem Wegzug in Frankfurt nicht so vergessen sein sollte, als habe es das Haus in der Lindenstraße nie gegeben, dann wäre Suhrkamp tatsächlich zurecht umgezogen. Nur den Ort, wohin die Reise geht, könnte man noch bedenken. Wie sagt der Esel zum Hund bei den Brüdern Grimm? „Etwas besseres als den Tod können wir überall finden.“ Warum zieht der Suhrkamp-Verlag also nicht nach Bremen?

Martin Mosebach ist Schriftsteller und lebt in Frankfurt. Der Artikel bei der SZ.

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